Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1926)
- Article
- Das Frauenproblem in der gegenwärtigen Welt
- Date
- 1926-12-01
- Page
- 449 (sequence 19)
- Language
- German
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Das Frauenproblem in der gegenwärtigen Welt auch heute unter dem Namen dieser Umgestaltung, die ihrer tieferen Bedeutung nach dennoch ein Durchbruch zu einem wahreren Leben ist Erstaunlich, erschreckend rasch hat diese Flutwelle einer neuen Freiheit die bürgerliche Ehe zerrieben. Sie liegt heute heillos zerrüttet, zerstört vor uns. Und dies ist um so erschütternder, als damit die Gewißheit keineswegs zerstört ist, daß es heute wie immer allein die Ehe ist, die den vollen Sinn der Beziehung zwischen den Geschlechtern aufnimmt Aber die bürgerliche Ehe bedurfte im Grunde gar nicht erst der Auflösung. Ihre äußere Form konnte nur darum so schnell und gleichsam im Vorbeigehen aufgelöst werden, weil die innere längst zuvor zerstört war. Die neue Selbständigkeit, die äußere und innere Freiheit der Frau ist der bürgerlichen Ehe nur zum äußeren Verhängnis geworden; ihr inneres war längst besiegelt Man hat den Zusammenbruch der bürgerlichen Ehe immer wieder daraus zu erklären versucht, daß die Spannung zwischen dem Ideal der reinen Monogamie und der ursprünglichen Anlage der Menschen zu groß sei. Man hat behauptet, die Monogamie sei unmöglich, weil die Menschen von Natur polygam veranlagt seien. Mit demselben Recht könnte man behaupten, die edle hochstämmige Hundertblätterrose sei unmöglich, weil die Rose von Natur eine am Strauch mit seinen unzähligen Trieben wild wachsende Heckenrose sei. Denn die Monogamie ist ja kein Natursondern ein Kulturgebilde: eine Form also der Überhöhung und Überwindung der Natur durch menschliche Entscheidung. Und nicht anders als die edle Rose, um in ihrer Form zu dauern, um nicht wieder zu verwildern, der Zucht, der Wachsamkeit, der Schere des Gärtners bedarf, bedarf auch die Form der Ehe zu ihrer Erhaltung der Zucht Gewiß: immer noch — trotz alles guten Willens — kann ein Sturm kommen, der die Rose entblättert, der die Ehe entwurzelt und zerstört Die wahrhaft gelungene Ehe ist immer Gnade, weil sie die Lösung eines unlösbaren Problems, einer unendlichen Aufgabe ist Immer wieder und immer neu Aufgabe zu sein, ist das Wesen der Ehe. Sie ist niemals und nirgends; sie muß immer und überall geschaffen werden. Und so war es gerade nicht das ernste Suchen reinerer Lösungen, sondern, die faule Selbstverständlichkeit einer Beziehung, die von jeder menschlichen Seele, von jedem Schicksal aus neue Bezwingung, und Durchdringung fordert, die der bürgerlichen Ehe zum Verhängnis geworden ist: der Mangel an Ernst, ohne den Bindung ebenso wie Freiheit Zuchtlosigkeit ist Die Welt der Vorkriegszeit hatte keine Ahnung mehr von dem, was unsere Jugend gerade unter 30 449