Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1926)
- Article
- Das Frauenproblem in der gegenwärtigen Welt
- Date
- 1926-12-01
- Page
- 447 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2895450-2895459-2895465-2897308--01429-2897384- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Das Frauenproblem in der gegenwärtigen Welt bannte, hat er nur die Gesamtentwicklung des europäischen Lebens an ihr vollendet. Denn sie lebt in einer Welt, die ihre Einsamkeit bis zum Grauen vertieft hat, weil sie ihrem Wesen durchaus fremd ist: in einer durch den männlichen Geist bis zum Grunde entseelten und entgöttlichten Welt Unzählige Einflüsse haben in unserer Welt das Heilige zerstört Nur aus solcher Lage konnte überhaupt eine Frauenbewegung entstehen, die, wie alle unsere heutigen Bewegungen, wie der Sozialismus, wie die Jugendbewegung, trotz mancher später hinzutretender religiöser Bindungen — als Akt der reinen menschlichen Selbsthilfe in ihrem Kern gottfremd, atheistisch ist Damit drückt die Frauenbewegung zugleich den tiefsten Zwiespalt im Frauenproblem selbst aus: die atheistische Frau ist in der Tat ein verzweifelter Widersinn — weit mehr als der atheistische Mann. Denn der Geist ist seinem schöpferischen Wesen nach atheistisch — er reißt das Göttliche in der Gestaltung an sich. Die Seele aber hängt ursprünglich am und im Göttlichen — es ist ihr Lebenselement, ohne das sie nichts ist: nichts als eine Frage ohne Widerhall und Antwort — ein unerlöst im Puppenstand verharrendes Sein. Die Frauenbewegung in ihrem letzten und tiefsten Sinne wäre darum erst erfüllt, wenn sie sich selber aufhöbe — wenn sie, über den Umweg durch die entgöttlichte Welt des männlichen Geistes hinweg, die in unserer Welt entwurzelte Seele, die sie selbst auf ihrem Umweg noch tiefer entwurzeln mußte, wieder in ihr eigenes Reich zu führen und damit unsere Welt neu im Göttlichen zu gründen vermöchte. Dieses in der Unendlichkeit einer traumhaften Zukunft gelegene Ziel: das eins ist mit der Auflösung der rein männlichen Welt des Geistes durch die Kraft der Seele, ist der mit ihrem Wesen selbst im Keim gegebene Wunschtraum, ist der unter aller ihm noch so fremden Wirklichkeit immer, bald fühlbar, bald unmerklich mitschwingende verborgene Untergrund des Kampfes zwischeu den Geschlechtern, von dem freilich die heutige Frauenbewegung keine Ahnung streift Uns abendländische Menschen aber hat man gelehrt, daß der Mensch nur ein einziges Leben hat Daraus quillt die ganze ungeheure Unruhe unseres individuellen Daseins. Wir können nicht warten, wir haben keine Zeit zu verlieren. In diesem einen Leben sucht die Seele ihren Weg — in ihm allein kann sie für sich Sinn und Heil gewinnen. Und weil sie in unserer WTelt das Ziel aus den Augen verloren hat, verlieren mußte: weil sie bei ihrer Heimkehr Golt nicht mehr finden kann — darum ist es geschehen, daß die Frau in der 447