Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1926)
- Article
- Das Frauenproblem in der gegenwärtigen Welt
- Date
- 1926-12-01
- Page
- 446 (sequence 16)
- Language
- German
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Margarete Susmann samkeit drohen. Denn diese Einsamkeit ist nicht nur vor allem Gedanklichen — sie ist auch an sich jenseits von Gut und Böse. Sie hat den Begriff des Guten und Bösen nicht Die Frau bedarf, wofern sie gemeinsame Werte, gemeinsame Wahrheit und gemeinsames Wissen sucht, des Umweges über die Welt des Mannes. Ist der Mann ihr Feind, wo er sich in seiner Welt wie in einer Festung verschanzt, ist er ihr Verführer, wo er sie in sein Bild zu bannen sucht, so wird er ihr zum unentbehrlichen Freund, sobald er ihr die Hand bietet, um ihr zu helfen. Das darf auch die kämpferischste Frauenbewegung nicht verkennen. Mögen die Männerbünde sich ganz von den Frauen lösen — es bringt sie wohl um ein Allertiefstes, aber nicht um das Ganze des Lebens. Die Frau aber bringt die Loslösung vom Manne um ihren Weg, Und immer wird sie ihn darum suchen müssen. Sie streckt die Hand nach ihm aus. Er kommt ihr entgegen. Da ergreift sie aufs neue und mit letzter Gewalt der Wirbel ihres Schicksals. Denn der Mann, den sie sucht und der sie sucht — er ist ihr ja nicht nur Helfer und Freund — er ist auch ihre ungeheuerste Gefahr. Er ist der Mensch des anderen Geschlechts, an den das ihre und der an das ihre in einer unentrinnbareren und eben darum verworreneren und unewigen Beziehung gebunden ist Aus den Unsterblichkeitstiefen der Gattung erhebt sich der Sturm, der das Licht, das die Seele suchte, zur Flamme wandelt, die sie zu verzehren droht An Stelle der Hilfe, des Vexstehens, der Befreiung tritt der Trank aus Rausch und Traum, der die Sinne verwirrt, der die Seelen einander ausliefert Die Liebe zwischen Mann und Weib, dieses stärkste Band, diese gewaltigste gegenseitige Hilfe zwischen Mensch und Mensch — ist zugleich mit den Seufzern und Tränen der ganzen Menschheit beladen. Gewiß: es bedarf nicht der düsteren Problematik eines Strindberg, eines Weininger, um das nie Gelöste und nie zu Lösende in diesem Verhältnis aufzudecken, in dem die höchste Glücksmöglichkeit und die tiefste Leidenswirklichkeit der Menschen geeint sind. Und auch hier wieder ist die Frau durch ihr Schicksal noch weit tiefer verstrickt Die Antifeministen haben den Charakter der weiblichen Liebe als Hörigkeit bezeichnet Und für die heutige europäische Frau nicht mit Unrecht Die Liebe ist ihr zu etwas Unentrinnbarem, zu einer qualvollen Lust der Unterwerfung geworden. Und die Liebe des Mannes, die das Bild der Frau in ewiger Schönheit formte und sie selbst unerlöst darunter hinweggleiten ließ, hat sie endgültig in dies Schicksal hineingestoßen. Aber indem er ihr Selbst vergaß und in die Rolle dienenden Schweigens 446