Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1926)
- Article
- Das Frauenproblem in der gegenwärtigen Welt
- Date
- 1926-12-01
- Page
- 444 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Margarete Susmann Wenn irgendwo, so ist es hier, wo wir die Frau, von der Liebe wie vom Haß des Mannes losgelöst, in ihrer eigenen Menschlichkeit erblicken können — and was wir sehen, ist ein Erzittern des gesamten Lebens aus jener geheimnisvollen Tiefe, an die nicht Sichtbares, nichts Denkbares mehr rührt Wie schnell in der Entwicklung der männlichen europäischen Welt dieser eine Augenblick weiblicher Offenbarung aus einem Reich, das nichts von Mann und Weib weiß, wieder verwischt worden ist, er genügt, um uns die Gewißheit zu geben, daß hier der zentrale, der eigentliche Grund weiblicher Menschlichkeit aufgeflammt ist Vermöchten wir es — das rein Symbolische darin streng festhaltend und mit aller Vorsicht, allen Vorbehalten eines solchen Beginnens —, eine Sphäre auszuzeichnen, in der das Menschliche als Weibliches erscheint, so wie es im Geist als Männliches sich darstellt — welchen Namen könnten wir ihr geben als eben den jenes Letzten, geistig nicht mehr Erfaßbaren, jenes Reiches des Geheimnisses und der Frage, in dem die unterste Wurzel persönlichen Lebens haftet und aus dem sie das ganze Dasein speist? Gewiß: aus dem letzten versunkensten Geheimnis des Seins zu leben, ist nur einer verschwindend kleinen Zahl von Frauen vergönnt Seltener noch als unter Männern der wahrhaft schöpferische Mensch: das Urbild des männlichen Wesens, ist unter Frauen das Urbild des weiblichen: der rein zentral aus unterpersönlicher Tiefe lebende Mensch. Und dennoch ist es zugleich dies, was noch die schlichteste Frau, sofern sie nur wahrhaft Frau ist — vor dem Mann voraus hat: daß sie weit sicherer, unabgelenkter als er aus dem Mittelpunkt des Seins lebt, wie selten das Zentrum auch in jene unterpersönliche Tiefe hinabreicht, aus der heraus diese Lebensform für das Menschliche überhaupt repräsentativ wird. Wo aber dies der Fall ist, da entstehen jene großen geheimnisvollen Gestalten der Sibyllen, der Priesterinnen, die, ohne Vermittlung der Gestalt, des Bildes, geschlossenen, nach innen blickenden Auges, aus dem Abgrund des Wellgeheimnisses selbst reden. Oder es entstehen die unerschütterlichen Antigone-Gestalten, deren festes inneres Wesen kein äußeres Gesetz verrücken kann, oder die großen weiblichen Heiligen; alle diese Gestalten, die den Stoff nicht bezwingen durch den Geist, sondern aus der Nacht des Stoffes unmittelbar ein Ewiges entfalten, ihn durch ihr Leben selbst sprengen und emporführen, wie aus der dunklen Larve der geflügelte Schmetterling sich selbst losspinnt und freispinnt zum Licht 444