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Der Morgen · 1926-12-01 · Heft 5 (Dezember 1926) · p. 443

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Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 5 (Dezember 1926)
Article
Das Frauenproblem in der gegenwärtigen Welt
Date
1926-12-01
Page
443 (sequence 13)
Language
German
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Das Frauenproblem in der gegenwärtigen Welt die europäischen Geister ihr Wesen, zu erfassen gesucht Und erschreckend, erschauernd nah ist der Gedanke zuzeiten zu ihr vorgedrungen. Dennoch: erreicht hat er sie nicht Sie ist vom Gedanken aus nicht zu erreichen. Man kann auf die Antwort nur gleichsam zugehen, sie andeuten, umschreiben. Denn das ist ja das Wesen der Seele, daß sie kein Ding unter Dingen, kein Begriff unter Begriffen, daß sie nicht zu greifen noch zu begreifen, daß sie das ewig Unaussprechliche ist: jenes Allerflüchtigste und doch völlig Unauflösbare noch unterhalb alles dessen, was wir persönlich nennen, dem auch die schärfste, durchdringendste Analyse sich nur wie aus der Ferne der Unendlichkeit her anzunähern vermag. Der Geist baut und schafft im hellen Tage, zieht Linien, enthüllt Zusammenhänge, bildet seine Formen ein ins Leben. Das Herz schlägt fest umgrenzt und fühlbar in der Mitte des Körpers selbst — die Seele aber ist gestaltlos und der Welt der Dinge immer entgegengesetzt Sie ist außerhalb des Lebens, jenseits seiner, weit mehr als der Geist Sie ist immer wie ein stilles oder jähes Flügelschlagen von anderswoher. Sie ist das Atemanhalten des Lebens vor sich selbst; sie ist die letzte zitternde Frage in allem Menschlichen: die Frage nach Gott Diese Frage ist kein Geistig-Schöpferisches, das sich an Gott, ihn vorwegnehmend und gestaltend, vorbeidrängt Sie ist nicht Wort, sie ist Stimme; nicht Tat sondern Sein; nicht Gestalt sondern Unmittelbarkeit; nicht Tag sondern Nacht Man möchte sie als den untersten Mittelpunkt des Seins bezeichnen, der dem Höchsten: dem Absoluten unmittelbar gegenübersteht, der nicht durch schöpferische Gestaltung, durch Bilden und Wissen verschoben — nicht durch irgend Einzelnes — und sei es das Stärkste und Größte — aus der menschlichen Mitte verrückt werden kann. Dem Geist in seinem Reichtum an Gestalt freilich bleibt dies letzte Unerfaßbare, dies Arme, Besitzlose, dieser gestaltlos* Kern, diese schweigende Frage immer eine Torheit Was sich nicht im Gedanken oder in der Sichtbarkeit darbildet, sich nicht in der Gestalt erfüllt, hat für ihn nicht gelebt Ist es ein Zufall, daß es der Enthüller des Seelenreiches gewesen ist, zu dessen Füßen die Frauen in ewiger Erschütterung niedersanken? daß über ihn, der sie nicht in der Verklärung ihrer Schönheit, sondern in ihrer menschlichen Not und Häßlichkeit, in ihrer Sünde und Verfehlung erkannte und gerade aus ihr den Strahl der Hoffnung aufspringen ließ, die weibliche Seele allen Balsam ihrer Kostbarkeiten und all ihre dunklen Menschentränen ausgegossen hat? 443

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