Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1926)
- Article
- Das Frauenproblem in der gegenwärtigen Welt
- Date
- 1926-12-01
- Page
- 442 (sequence 12)
- Language
- German
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Margarete Susmann des Abgrunds. Die Lichtwelt war ihm die Welt des reinen männlichen Geistes; die Nachtwelt, die aus dem Geschlecht kam, nannte er mit dem Namen des Geschlechtes, aus dem sie ihm kam: Weib- — Auch dies erschütternde Bekenntnisbuch spricht der Frau die Seele ab — und vielleicht können wir nirgends so deutlich den Gesichtspunkt erkennen, von dem aus der edle männliche Geist notwendig auf diesen Irrweg geraten muß. Es ist die ursprüngliche Identifikation der Seele mit dem Geist, dem metaphysisch-schöpferischen Geist Die Frage: habet mulier animam? wird überall da gestellt und da verneint, wo die Seele rein in den Geist geschoben wird — wo sie nichts anderes ist als der persongebundene Geist —, wo damit der Geist als das einzige den Stoff bezwingende und ihm übergeordnete Prinzip erblickt wird. Dies — und nur dies — ist es, was den Antifeminismus des finsteren Asketen Weininger mit dem seines großen Antipoden: des Leben bejahenden, Heidentum und Griechentum bejahenden Stefan George verbindet „Ehrt das Weib im Stoffe — es ist kein mindres Heiligtum," sagt George ehrfürchtiger als Weininger — aber ehrfürchtiger nicht vor dem Weibe, sondern vor der Natur. Denn der Stoff ist das Unterpersönliche, Vorpersönliche, dem Geiste zur Formung nur gegebene und ihm untergeordnete Prinzip. Sein Heiligtum ist ein untermenschliches. Die Person des Weibes bleibt auch für George vom überstofflichen Leben des Geistes ausgeschlossen. Es bedurfte kaum mehr seines die Wirklichkeit des Geschlechterschicksals verzerrenden Wortes: „Die Frau gebiert das Tier. Der Mann schafft Mann und Weib," um dies klar zu zeigen. Uberall: in der mittelalterlichen Frage, bei Weininger, bei George und bei allen, die in ihren Fußstapfen gehen, ist es der Geist, der schöpferisch männliche Geist, von dem aus die Frau für den höchsten menschlichen Anteil verworfen, von dem aus ihr die Seele abgesprochen wird So drängt sich uns an diesem über Sein oder Nichtsein der Frau entscheidenden Punkt die schwere Frage auf: was ist denn die Seele? Was ist sie gerade in ihrem Unterschied zum Geist? Die Frage nach der Seele durchzieht mit geheimem unterirdischem Beben die gesamte europäische Kultur. Das Christentum hat sie als unsterblich Lebendiges in die Grundlagen des Gebäudes eingemauert — als ein Lebendiges, dessen Auferstehung den ganzen ungeheuren Bau wie eine bloße Grabplatte sprengen müßte. Überall ist in den Formen dieses Baues ihre verborgene Gegenwart zu spüren; immer wieder, unter allen Gestalten des Denkens und Bildens haben 442