Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1926)
- Article
- Das Frauenproblem in der gegenwärtigen Welt
- Date
- 1926-12-01
- Page
- 441 (sequence 11)
- Language
- German
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Das Frauenproblem in der gegenwärtigen Welt ein Selbst mit eigenem Gesetz, das über dem des Lebens steht? Erhebt die Frau als Person sich so weit aus dem Leben, daß sie teil hat an der persönlichen Unsterblichkeit? Hat die Frau eine persönliche Seele oder versinkt sie wie ein Element namen- und personlos im All? Aber nicht nur das sogenannte dunkle Mittelalter hat diese Frage getan, die bereits ihre Verneinung in sich schließt — sondern bis in unsere eigene, sehr helle, allzu helle Zeit hinein ist von erlesenen männlichen Geistern dasselbe geschehen. Aller metaphysisch begründete Antifeminismus, wie er gerade in unserer Zeit (als Gegensatz gegen eine nun erst metaphysisch begründete Frauenbewegung) so mächtig geworden ist, meint im Grunde dies: Die Frau hat nicht teil am wahrhaft persönlichen Sein — sie hat keine Seele. Dies ist die Grrundgesinnung der Männerbünde, die in den letzten Jahrzehnten den kämpferischen Frauenorganisationen gegenüber getreten sind und aus einer tiefen Angst um ihre bedrohte Welt das männliche Prinzip als das höhere und sich selbst völlig genügende verteidigen und zum Ausgangspunkt einer rein männlichen Lebensgestaltung machen. Aus zwei tiefen und durchaus gegensätzlichen, in allem übrigen in nichts zu vergleichenden Quellen schöpft diese Bewegung in Deutschland ihre stärksten Antriebe. Wie eine schwarze Barriere liegt vor der freieren, gelösteren, fast alle Bande lösenden Betrachtung des Geschlechtlichen in unserer Welt das tiefe finstere Buch Weiningers — dies furchtbare Gericht verzweifelnder Jugend aus der Besinnung auf die ewigen, übersinnlichen Güter der Menschheit, die eine rasende Woge losgelassener Gewalten des unteren Daseins hinwegzuspülen droht Weininger war das größte und schlechthin repräsentative Opfer jenes Augenblicks, in dem sich der Zusammenstoß zweier Welten vollzog: der Welt Kants und der Welt Freuds. Mit Freuds großer Entdeckung und Durchfurchung der Bezirke des unterbewußten Lebens flutete aus ihrer Nacht eine Wirklichkeit herauf, vor der die alten idealistischen Wertmaßstäbe rettungslos zusammenbrachen. Dies Sein war mit dem alten Sollen nicht mehr zu versöhnen. Wo es festgehalten wurde, wo ein am kategorischen Imperativ streng und leidenschaftlich orientierter, extrem und metaphysisch wertender Geist wie Weininger auf diese schonungslos enthüllten Abgründe starrte, da war keine Möglichkeit zum Leben, da blieb nur Untergang. — Furchtbarer als je vor einem mittelalterlichen Asketen, weil ohne die Möglichkeit einer überirdischen Versöhnung, brach vor dem verzweifelten Geist des Jünglings die Welt in zwei Hälften auseinander: in eine obere strahlende Lichtwelt und in eine Nachtwelt 44t