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Der Morgen · 1926-12-01 · Heft 5 (Dezember 1926) · p. 440

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Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 5 (Dezember 1926)
Article
Das Frauenproblem in der gegenwärtigen Welt
Date
1926-12-01
Page
440 (sequence 10)
Language
German
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Margarete Susmann lösten, gedanklich Gesetzhaften — wie wir sie in der größten Form and in schroffem Gegensatz gegen die Welt des Mannes in der Antigone finden, in der der männliche Geist die Frau als sein reines menschliches Gegenüber gestaltet hat —, auf der anderen Seite quillt ihr daraus die Kraft zur schrankenlosen, restlosen Selbstentaußerung der Mutter. Beides aber: das tiefere Einssein mit sich selbst — wie das Einssein mit dem anderen, das die Mutterschaft ist, vereinsamen die Frau im Letzten. Sie ist in einem anderen tieferen Sinne als der Mann allein — wie von doppelter Schicht umgeben — mutterseelenallein. Das schöne deutsche Wort spricht es aus: es gibt nichts Einsameres als die Mutterseele. Für sie als Mutterseele gibt es keine Welt, kein Gesetz, keinen allgemeinen Wert Die Mutter kann Mutter eines Blödsinnigen — und sie kann Gottesmutter sein: diese beiden, durch Welten getrennten Schicksale sind von derselben dunklen Einsamkeit der Mutter umhüllt: eins zu sein mit dem, was nicht mit ihr eins ist; dem das Leben gegeben zu haben, dessen Tod sie nicht sterben kann; letzte Verantwortung zu tragen ohne Freiheit zur Tat Denn soviele Male als sie Kinder hat, trägt sie die dumpfe Schicksalsbindung und Ureinsamkeit persönlichen Lebens, die im Anderen der Überwindung und Lösung durch sie selbst entzogen ist Für das Schicksal der Mutterschaft gibt es keine persönliche Überwindung wie für jedes andere menschliche Schicksal; denn nur das eigene, nicht das andere kann überwunden werden. Wie sehr die Mutter sich bemühen mag, selbst dem Kinde die erste und oberste Brücke zur Gemeinschaft zu sein, wie tief das Glück dieses Brückenschlagens in seinem Gelingen sein mag; sie selbst kann die Brücke nicht mit betreten. Sie reicht ihm die Hand, führt es zu ihr hin, und es schreitet allein hinüber und verliert sich in seinem eigenen ihr unzugänglichen Schicksal. Wo die Hilfe der Mutter endet, da endet auch ihre Überwindung des Schicksals. An dieser außerethischen, unterethischen Einsamkeit enden alle männlichen Kategorien. Zu allen Zeiten ist sie vom Mann als das ihm Unerfaßliche ästhetisch verherrlicht und ethisch als das nicht sein Sollende empfunden worden: als das, was die Frau von der Welt der Gemeinschaft des Geistes abscheidet Es ist diese in dem tieferen Einssein der Frau mit dem Leben ursprünglich gegründete und durch die Mutterschaft tragisch vervielfachte Einsamkeit, die das christliche Mittelalter zu jener widerchristlichen Frage gedrängt hat: hat die Frau eine Seele? Denn diese Frage ist dieselbe wie: Steht die Frau nur im Leben? oder vermag sie ihm auch gegenüber zu treten? Ist sie 440

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