Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1926)
- Article
- Das Frauenproblem in der gegenwärtigen Welt
- Date
- 1926-12-01
- Page
- 439 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Frauenproblem in der gegenwärtigen Welt der Wahrheit männlichen Gerichtes über die Frau entspricht — sondern daß weit darüber hinaus auf einem der Höhepunkte des geistigen Europa: in der großen mittelalterlichen Philosophie diese Ratlosigkeit sich zu der ungeheuerlichen Umkehrung der Frage zusammenballen konnte: Habet mulier animam? Hat die Frau eine Seele? Es ist eine ureuropäische Frage. Aber sie ist als solche zugleich unlöslich verknotet mit dem alten Eva-Begriff. Selbst noch an dem ältesten voreuropäischen Ursprung unserer Kultur: in der biblischen Schöpfungsgeschichte finden wir als Enthüllung des weiblichen Wesens eine Bezeichnung des Mannes für die Frau. Nicht Gott sondern Adam ist es, der das erste Weib benannt hat Chawa, Heva, das ist das Wort für Leben. Darum — so heißt es — nannte Adam sein Weib Heva. So schied er sie, selbst ein Lebender, in diesem Namen von sich ab. Denn dies wurde zu allen Zeiten, wird auch heute empfunden: der Mann ist nicht nur Leben, steht nicht nur im Leben: er steht auch dem Leben gegenüber, in dem sie versunken, dem sie hingegeben ist durch ihr Schicksal. Der Mann reißt sich schnell los, wo die Frau gezwungen ist, mit dem Einsatz ihres Lebens zu verweilen. Der Mann projiziert seinen Lebenskern aus sich heraus: in das Werk, in die Sache, in allgemeine Zusammenhänge. Die Frau ist mit ihrem Lebenskern allein und nicht dem Außen, sondern dem Innen zugewandt, um das ihr ganzes Leben fest geordnet, aus dem sein Wachstum unmittelbar zentral bestimmt ist So fühlt der Mann ihre Unmittelbarkeit als ein Fremdes. Als Leben im feindlichen wie im freundlichen Sinne des Wortes: als das, was des Mannes unstetes Leben mit seiner ruhigen Festigkeit unterbaut und trägt — aber auch als das, was es, dem Guten wie dem Bösen ursprünglich näherstehend, in tiefere und furchtbarere Abgründe hinabreißt — was ihm den dunklen Sinn der nicht gedanklich zu vermittelnden sondern nur unmittelbar zu erlebenden Daseinskategorien: Liebe, Schuld, Leid, Verzweiflung und Erlösung in ursprünglicher Intensität erschließt Denn das Grundgesetz des weiblichen Daseins: die unaufhebbare Identität mit dem Leben äußert sich, dem Doppelrhythmus des Lebens gemäß, in doppeller Weise: einmal als das, was die Frau tiefer und fester in sich zusammenschließt, und auf der anderen Seite als das, was sie gewaltsamer, aus innerstem Mittelpunkt heraus sich selbst entreißt Sie gibt ihr einmal jene unfehlbare ursprüngliche und strenge Sicherheit gegenüber allem schon vom Leben Ge- 439