Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1926)
- Article
- Das Frauenproblem in der gegenwärtigen Welt
- Date
- 1926-12-01
- Page
- 438 (sequence 8)
- Language
- German
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Margarete Susmann bar, weil eben die europäische Frau bisher nichts anderes als ein Bestandteil der männlichen Welt gewesen war. So erfuhr sie nicht nur der Mann; so erfuhr sie sich selbst Die europäische Frau (die durchaus nur eine bestimmte Gestalt der Frau ist) war darum — und eben darum unbewußt — unfrei, weil aus der europäischen Welt die Verantwortung der Frau über die engste persönliche Sphäre hinaus ausgeschaltet war: der reale Aufbau unseres Lebens,, all unsere Wahrheiten, Weltdeutungen, Gesetze und Worte sind von durchaus männlicher Art Die Frau soll schweigen. Auch noch wenn wir Frauen uns selbst zu fassen suchen, müssen wir es zunächst immer in männlichen Kategorien tun. Wenn aber dies der Fall ist, wenn die ganze große europäische Welt mit all ihren Begriffsbildungen, äußeren und inneren Formen des. Mannes ist — wenn wir Frauen nicht einmal die Möglichkeit haben, uns selbst unmittelbar zu fassen — wenn die Frau sozusagen in der Gemeinschaft unserer Welt nicht vorkommt — woher nimmt sie dann das Recht zur Auflehnung gegen die männliche Welt, die zuletzt ihrer Zerstörung gleichkäme? Das ist es, was mit Leidenschaft von allen Seiten gefragt wird — nicht nur vom Manne, sondern auch von der Frau selbst Wer ist sie? Was hat sie aus sich selbst? Wo reicht sie irgend über den Mann hinaus? Welche Leistungen hat sie denen des Mannes gegenüberzustellen? fragen alle ehrlich um die Lösung Bemühten beider Geschlechter. Dann steigt die lange Kette großer mannlicher Geister mit ihren gewaltigen Leistungen herauf — und ihnen gegenüber steht arm und klein, von der ganzen großen Welt des Geistes verlassen, die Frau. Es ist ein Bild, das an Shaws heilige Johanna gemalmt, wie sie klein und zart ohne jeden Schmuck und jede Ehrung — einzig sie selbst — zwischen den Vertretern der ungeheueren Institutionen den großen Machthabern und Würdenträgern steht, die sie aus Furcht vor ihr zu Fall bringen. Warum wird aber dies kleine schlichte Landmädchen so gefürchtet? Warum muß es verbrannt werden? Ist es nicht zuletzt aus derselben Angst, aus der die große, festgefügte Welt des männlichen Geistes sich solange gewehrt hat und immer weiter wehrt gegen das zarte fremdartige Wesen ohne Werk und Namen, das an ihren Mauern rüttelt? Und so ratlos hat von je in Europa der männliche Geist diesem anderen gegenüber gestanden, daß nicht nur die wohlmeinende Rechtgläubigkeit des Shawschen Ketzergerichtes in ihrer geschichtlichen Wahrheit zugleich genau 438