Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1926)
- Article
- Das Frauenproblem in der gegenwärtigen Welt
- Date
- 1926-12-01
- Page
- 437 (sequence 7)
- Language
- German
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Das Frauenproblem in der gegenwärtigen Welt gehoben, hatte Ibsen — bereits den Abgrund zwischen Bild und Wirklichkeit erkennend — den größten Teil der Schuld an dem Scheitern der Beziehung zwischen den Geschlechtern dem Manne aufgebürdet: in Strindberg klafft der Abgrund in ihm selber auf, bricht der bis zum äußersten übersteigerte Frauen- und Madonnenkult jäh entzwei und kehrt sich der Zweifel an der Glaubwürdigkeit des eigenen Bildes zerstörend gegen die wirkliche Frau. Alles traf in dem großen Ereignis Strindberg zu tieferer Verwirrung und daraus quellender neuer Klärung des Problems zusammen: Die maßlose Leidenschaft, mit der er, von einer übergewaltigen Natur getrieben, dies Problem erlebte — der neue durchdringende Wirklichkeitssinn, der ihm nicht mehr erlaubte, gleich den Früheren sich, mit der poetischen Verklär ung des Risses zwischen Idee und Wirklichkeit zu begnügen, sondern ihn mit dämonischer Gewalt zwang, die Idee, seine Idee, in der Wirklichkeit selbst wiederfinden zu wollen — und schließlich der auch, für die Frau entscheidende geschichtliche Augenblick, in dem dies geschah. Denn in diesem selben Augenblick hatte auch die Frau die Fälschung des Bildes erkannt, hatte sie, mit noch unsicheren, tastenden und gewiß vielfach verfehlten Strichen ihr eigenes Bild zu umreißen und ihm in entgegengesetzter Richtung, vom Idealbild des Mannes hinweg, zu folgen begonnen. Dies alles hatte in Strindbergs Leben und Werk eine Art babylonischer Sprachverwirrung zwischen den Geschlechtern zur Folge. Sie redeten in der Tat nicht mehr dieselbe Sprache. Aber gerade darum spiegelt sein Bild von der Frau: diese Geburt dunkelsten Gebundenseins und herbsten Wahrheitswillens, leidenschaftlicher Erlösungssehnsucht und furchtbarster Enttäuschungen nicht nur alle Schwankungen und die ganze zerreißende Unseligkeit seines eigenen Verhältnisses zu ihr wider — sondern mit nicht minderer Gewalt die tragische Situation des in jenem Augenblick sich verschiebenden Verhältnisses der Geschlechter überhaupt Denn tragisch ist diese Situation durchaus: als Auswirkung einer geschichtlichen Notwendigkeit, der doch die Menschen, durch die sie vollzogen werden soll, selbst im Innersten widerstreben müssen. Nur unter tiefsten Leiden und Kämpfen konnte sich dies Verhältnis umgestalten. Strindbergs Wort: „Vielleicht sollen sie einander zur Erlösung hinquälen", ist die erschütterndste Prägung für jenen qualvollen Augenblick der Umwälzung der Beziehung zwischen den Geschlechtern. Die Loslösung der Frau vom Manne als ihrem absoluten und einzigen Maßstab war für beide Teile darum so unerhört schwer vollzieh- 437