Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1926)
- Article
- Das Frauenproblem in der gegenwärtigen Welt
- Date
- 1926-12-01
- Page
- 436 (sequence 6)
- Language
- German
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Margarete Susmann daß er, tagelang wandernd und immer weiter wandernd, ihn nicht wiederfinden kann — bis er ihn zuletzt jenseits der Wirklichkeit in der Höhle einer tieferen, feenhafteren Geliebten wiederfindet Immer — von Beatrice bis Ottilie, ja, bis Solvejg — begann seine Liebe bei der Schönheit, und immer endete sie — die wirkliche persönliche Frau überspringend — bei der Fee. Und des schöpferischen Mannes Bild: dessen, der überhaupt Bild und Gestalt zu schauen und zu formen vermag, hat! immer das Bild auch der übrigen, blasser lebenden Menschen bestimmt Wenn aber in der europäischen Frau von jeher die Schönheit, das Bild geliebt wurde an Stelle ihres wirklichen menschlichen Seins — welch unermeßliche Gefahr lag dann für sie in der Liebe des Mannes! Welche Kraft sie an seine Welt zu fesseln, in sein Bild zu bannen, an das für sie alle Möglichkeit des Glücks und der Erfüllung gebunden war! Wie mußte die Frau, die liebt und geliebt werden will, sich bestreben, Bild zu sein, Bild zu bleiben dem Geliebten an Stelle einer vollen lebendigen selbständigen Persönlichkeit! Unermeßlich ist die Einwirkung des männlichen Bildes auf die Frau in der gesamten europäischen Kultur gewesen. Das Pygmalionverhältnis des schöpferischen Mannes zu der von ihm erschaffenen Gestalt hat der europäischen Frau die Bolle des Schweigens und der Untätigkeit aufgezwungen, in der sie ihre Erweckung einzig von der Liebe erwartete. So lebten die Geschlechter in der modernen Welt unter einem Bilde, von dem die Wirklichkeit sie zugleich immer entscheidender abdrängte. Es kam der Augenblick, wo beide sich in ihm nicht mehr erkennen konnten, wo es seine vollkommene Verzerrung im Wirklichen erwies. Die falsche Übersteigerung des Bildes von der Frau in ihrer stummen willenlosen Schönheit mußte in einem Augenblick, in dem alle Lebensverhältnisse von der Wirklichkeit aus revidiert wurden, nicht nur die Frau selbst aufrütteln, sondern auch auf das Verhältnis des Mannes zu ihr verhängnisvoll zurückwirken und durch den Abstand ihrer Wirklichkeit von seinem Bilde die furchtbare Enttäuschung hervorrufen, aus der all die übermäßigen Verwerfungsurteile über das Weib entspringen, an denen gerade die neuere Zeit so reich ist Nirgends geht diese Entwicklung mit so schlagender Deutlichkeit vor sich wie bei Strindberg. Er bezeichnet recht eigentlich den Gipfelpunkt der Wende im Verhältnis zwischen den Geschlechtern. Hatte Wagner das Goethesche Frauenideal mit einer Art sinnlicher Religiosität umhüllt und in den farbigen Lichtwolken des Rausches über alle Klüfte des realen Verhältnisses empor- 436