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Der Morgen · 1926-12-01 · Heft 5 (Dezember 1926) · p. 435

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Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 5 (Dezember 1926)
Article
Das Frauenproblem in der gegenwärtigen Welt
Date
1926-12-01
Page
435 (sequence 5)
Language
German
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Das Frauienproblem in der gegenwärtigen Welt fach unterbundener Prozeß. Die Revolution der Frau hat nicht einfach den gesetzhaften Verlauf und Rhythmus anderer Revolutionen: einmütiges Sichaufbäumen gegen unerträglich gewordene Bindungen, von dem nur der nicht freiheitlich gesinnte Teil der Menschen sich zurückhält — sondern hier ist alles bunt und verwirrend gemischt Hier bindet eine andere Macht der Freiheit gebieterisch die Hände; hier werden Ketten Kränze und Kränze Ketten. Hier werfen Traum und Zauber verwirrende Lichter und Schatten auf den Weg; hier hat ein Dämon seine Hand im Werke, der Licht in Dunkel, Dunkel in Licht wandelt, der Glück und Leid als ungeheures Gewicht in die Wagschale wirft, auf der die Werte ausgewogen werden. Derselbe Dämon, der das im Guten wie im Bösen über das Wirkliche hinausgesteigerte Bild des Mannes von der Frau geformt hat, gab diesem Bilde auch die Macht über das Leben der Frau, der sie vergeblich ganz sich zu entziehen ringt Überschwänglich ist die Verherrlichung der Frau in der europäischen Kunst, diesem reinsten Spiegel der Gesinnung einer Welt Die größten Dichter und Bildner haben im Wesen der Frau die höhere reinere Form des Menschentums erschaut, das Weibliche als das Emporziehende, das die Schuld des irrenden Mannes Entsühnende erkannt Vom reinen Kind über die Jungfrau und Mutter führt die Kunst Europas die Frau zum Engel, zur Madonna empor. Und wenn wir uns nun fragen: Was ist es, was der Mann, der schöpferische — also der repräsentative — Mann, an der Frau so überschwänglich geliebt und verehrt und bis ins Göttliche gesteigert hat? so wird uns die erschütternde Antwort: Niemals — sie selbst Immer eine Idee, ein Bild der Vollkommenheit — und auch dies entwickelt nicht eigentlich aus ihrer Wirklichkeit, aus ihrer eigenen Art der Menschlichkeit — sondern: das ist die furchtbare, niemals in ihrer ganzen Tiefe abzumessende Tragik und Verrückung der menschlichen Beziehung im Geschlecht: entwickelt aus ihrer Schönheit Immer war das, was die Künstler erblickten und gestalteten, das ewige Bild der Frau, in einer vorirdischen Welt am Quell der Gestalten erschaut und am Anblick der lebendigen Schönheit wieder erinnert Selbst Goethe hat ausdrücklich erklärt, daß nicht die wirkliche Frau ihm als Modell gedient habe. Wie bei Raffael war es die „oerta idea" von der Frau, deren, er sich zu ihrer Darstellung bediente. Alle Liebe des schöpferischen Mannes zur Frau, alle aus ihr quellende Gestaltung glich der Liebe des Prinzen Achmed aus Tausendundeiner Nacht, dessen Pfeil beim Wettsohießen mit den Brüdern um die Geliebte so weit fliegt, 29* 435

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