Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1926)
- Article
- Das Frauenproblem in der gegenwärtigen Welt
- Date
- 1926-12-01
- Page
- 433 (sequence 3)
- Language
- German
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Das Frauenproblem in der gegenwärtigen Welt donna, die sündenlos den Gott empfängt, gibt es keinen Weg, keinen Übergang, sondern einzig ein Entweder — Oder. Und in der ganzen europäischen Kultur bis zu dem Wendepunkt im vergangenen Jahrhundert finden wir in der Tat zwischen diesen beiden Gestalten keine Vermittlung. Wo immer der schöpferische männliche Geist am Werk war, gab es nur diese beiden entgegengesetzten Bilder von der Frau. Als unter dem Druck einer rings um sie her zur Wirklichkeit erwachenden Welt die Frau sich selbst als lebendige wirkliche Frau zu suchen begann, da griff sie ins Leere. Sie suchte sich im Bild des Mannes und fand sich nicht. Sie fand darin das Höchste und das Tiefste weiblichen Wesens, aber sie fand nicht ihre Wirklichkeit Da begann das Ringen: das harte Ringen zwischen dem Bild des Mannes von der Frau und der Frau selbst. Dies Ringen ist das ganze Frauenproblem., Alle Fragen nach der Frau und um die Frau sind mit dieser einen Frage auf-; gerollt: Ist die Frau endgültig an das Bild des Mannes gebunden oder ist es möglich, daß sie von sich aus zu einem wahreren Bild ihrer selbst, zu ihrer eigenen Wirklichkeit gelangen kann? Diese Frage ist von letzter Schwere; sie ist die Doppelfrage nach dem Verhältnis des Mannes zur Frau und nach der Frau selbst Sie ist der Ausdruck für das hartnäckige Ringen zweier entgegengesetzter Kräfte: des Willens des Mannes zu seiner Welt, die die Frau mit umschließt, und des Willens der Frau, als Frau wahrhaft Mensch zu sein. In diesem ihrem eigentlichen Sinne ist die Frauenbewegung eine der tiefsten und tragischsten Bewegungen in der Geschichte der europäischen Menschheit Alles, was diese Bewegung an festen Formen und einzelnen Bildungen an den Strand spült, ist winzig und nichtig, gemessen an der gewaltigen dunklen Flut menschlichen Schicksals, die in ihr selbst heraufsteigt Mit dem Augenblick, wo aus dem Kampf um äußere Interessen und Rechte der erbitterte Kampf der beiden Prinzipien des Männlichen und des Weiblichen selbst sich erhebt, wird der dunkle Flutstreifen am Horizont sichtbar. Er führt den Sturm mit sich. Die Welt scheint auseinander zu brechen in zwei Hälften. Die Menschen, deren natürliche Bestimmung und deren Lebenssinn es ist, Hand in Hand zu gehen, streben auseinander. Nun erst wird Nietzsches Wort zum erbitterten männlichen Kampfruf; nun erst wehrt sich der Mann von seiner männlichen Welt aus, die seine eigene Auffassung vom Wesen der Frau ausdrückt, gegen das, was die Frau aus sich selbst zu machen im Begriffe ist; nun 29 433