Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1926)
- Article
- Jüdische Herkunft und Literaturwissenschaft [Rezension]
- Date
- 1926-12-01
- Page
- 429 (sequence 3)
- Language
- German
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Jüdische Herkunft und Literaturwissenschaft den Literarhistorikern wesentlich zu sein pflegt Nicht einmal „das Jüdische", das ihn so mächtigabstößt und anzieht, vermag er als ein geschichtliches Geistesgebilde zu erfassen. Statt dessen holt er seine Werturteile aus den Taufscheinen, Stammbäumen und Kindbetten und wendet den Löwenanteil seiner Zeit, seiner Kraft und des Papieres seines Verlegers auf die Erkundung; jüdischer Herkunft bei deutschen Schriftstellern. Man müßte seine Auffassung als gemein und niedrig bezeichnen, wenn seine Urteile im einzelnen nicht doch ein gewisses Streben nach sittlicher Höhe erkennen ließen, ein grobschlächtiges Moralisieren, das sich in einem „Himmelkreuzdonnerwetter" oder älmlichen frommen Wünschen gelegentlich Luft macht Es dürfte also bei Bartels eher die Beschränktheit als die Niedertracht an der Verdrängung der literarhistorischen durch eugenetische und naturgeschichtliche Interessen schuld sein. Übrigens ist dieses engstirnige Denken nicht etwa eine besondere Errungenschaft von ihm. Wenn dies der Fall wäre, wenn es sich nur um die Borniertheit dieses einen Kopfes oder auch seiner noch so zahlreichen Gemeinde handelte, so verlohnte es sich nicht, dagegen anzugehen. Jedoch der Gedanke, daß alle Literatur oder zum wenigsten alle echte Dichtung national zu sein habe, daß in der Darstellung nationaler Sonderart;und Gefühlsweise (wenn auch nicht geradezu in der Vertretung nationaler ^Belange") ihr Sinn und Wert liege, ist heute sogar bei außerordentlich feinsinnigen Literarhistorikern noch immer lebendig und wirksam. Z. B. die großangelegte, gegenwärtig im Erscheinen begriffene Geschichte der französischen Literatur von Victor Klemperer wird von diesem Grundgedanken getragen oder mindestens zusammengehalten. Das weltumspannende, von Oskar Walzel geleitete Handbuch der Literaturwissenschaft versucht zwar den ästhetischen Gedanken des Stiles über den praktischen und naturalistischen der Nation hinauszuheben, aber in der Ausführung sinken die einzelnen Bearbeiter oft wieder in die Betrachtung und Würdigung des literarischen Sonderwesens der Nationalitäten zurück. Wenn so hochstehende Literarhistoriker, die man tausend Meilen von Bartels entfernt, ja ihm entgegengesetzt sieht, schließlich doch den Boden, um den er kämpft, mit ihm gemein haben, was soll man denken und hoffen? Mir scheint, daß der Literarhistoriker, der seinen Gegenstand mit wissenschaftlicher Klarheit und philosophisch geläuterter Methode erfassen und festhalten will, den Begriff der Nalionalliteratur als Wertbegriff abzutun sich endlich entschließen muß, und daß er ihn höchstens als Orientierungsbegriff beibehalten darf. Um es schlicht zu sagen: kein vernünftiger Mensch wird be- 429