Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1926)
- Article
- Jüdische Herkunft und Literaturwissenschaft [Rezension]
- Date
- 1926-12-01
- Page
- 428 (sequence 2)
- Language
- German
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Karl Vossler daß alle Literatur „verrät" (Seite 55), dhdaß sie gar nicht umhin kann, die angeborene Eigenart ihrer Träger erkennen zu lassen, ja daß die Rasse eines Schriftstellers oder Dichters, ob er will oder nicht, in der Literatur, die er hervorbringt, erscheint, zutage tritt1), sich durchfrißt, wie verschlucktes Geheimnis durch einen Schwätzer, und daß daher „die Rassenprobleme auf dem Gebiet der Literaturgeschichte vielleicht am leichtesten lösbar" sind (Seite 55). Literarische Erzeugnisse werden in der Hand dieses anthropologischen Beschauers zu Blutproben der Reinheit oder Mischung oder Verderbnis und Entartung von Rassen. Besonders für „das Jüdische" traut er sich eine schwer zu hintergehende Spürnase zu. Dennoch weiß er, daß literarische Erzeugnisse nicht nur „verraten", sondern auch verhüllen und täuschen, daß Blutproben gefälscht sein können, und darum verschmäht er es nicht, sondern hält es für seine Pflicht, nach biographischen, genealogischen, onomastischen, kirchlichen, polizeilichen, statistischen und sonstigen Hilfsmitteln zu greifen, um die Rasse eines Autors zu ermitteln. Diese vielseitigen, unerbittlichen und angstvoll inquisitorischen Bemühungen um Feststellung der völkischen Herkunft, Reinheit oder Unreinheit eines Schriftstellers wären sinnlos und lächerlich, wenn nicht die Forderung, daß alle Literatur ein nationales Ideal verwirklichen müsse, dahinter stände und so blutig buchstäblich genommen würde. — Man spricht zwar von blutigem Ernst, aber der wahre Ernst ist geistig und ethisch, d. hc er ist blutig nur im Sinne des Märtyrers, nicht des Inquisitors und noch weniger des Rassenzüchters. Eine Literatur ist nur in dem Maße national wie die Gesinnung es ist, die sich in ihr ausspricht Individuelle oder persönliche oder nationale oder kirchliche oder staatliche oder ständische oder sonstwie bedingte, eingegebene und erlebte historische Gesinnungen haben so gut wie die nationale Gesinnung ihre Literaten, ihre Publizisten, ihre Sänger und Dichter und damit ihre Schönheit Wenn eine Gesinnung, um echt und ernst zu werden, mit dem Blute vererbt und mit der Rasse geboren und garantiert werden könnte oder müßte — wie überflüssig wäre dann alle Erziehung, Überlieferung und Bildung! In der Tat verzichtet Bartels denn auch in seinem neuesten Buch so gut wie ganz auf Untersuchung der literarischen Überlieferung, der ausgedrückten Gesinnungen, der dargestellten Erlebnisse, der verarbeiteten Gefühle, der errungenen Bildungshöhe, der formgewordenen Stimmungen, kurz auf alles, was Wie wenig das zutrifft, kann man aus dem Aufsatz von D. Herzog: „Adolf Bartels und Wilhelm Fischer" in Heft 4, a. Jahrgang des „Morgen" ersehen. 428