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Der Morgen · 1926-12-01 · Heft 5 (Dezember 1926) · p. 430

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Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 5 (Dezember 1926)
Article
Jüdische Herkunft und Literaturwissenschaft [Rezension]
Date
1926-12-01
Page
430 (sequence 4)
Language
German
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Karl Vossler: Jüdische Herkunft und Literaturwissenschaft streiten, daß man alles, was in französischer Sprache gesagt, gesangen, gedichtet und geschrieben ist, unter dem Begriff der französischen Literatur zusammenfassen und gewiß auch als französische Leistung, meinethalben sogar als Offenbarung der französischen Stilart betrachten darf; — aber niemand wird mir einreden, daß der menschliche oder dichterische oder auch nur künstlerische Wert von Racines Tragödien in ihrem Franzosentum bestehe. Einem deutschen Spießbürger sind sie freilich verschlossen. Glaubt man, sie seien es einem französischen Bourgeois nicht auch? Wie schwer und langsam die moderne Literaturwissenschaft sich von dem Begriff des Nationalen als einem ästhetischen Maßstab losringt, wissen heute nur erst wenige. Aber fühlen kann das Unleidliche dieses Zustandes jeder Laie, wenn er nur Bartels liest Darin erblicke ich das Verdienst seines grotesken literarischen Antisemitismus, daß er die völkischen und,»rassigen" Kunstwerte zu Tode reitet und eben dadurch die kritische Gefahr des Begriffes der Nationalliteratur, mit dem vielfach so ahnungslos und harmlos noch gearbeitet wird, uns zum Bewußtsein zu bringen geeignet ist „Die Aufklärung", die nach Bartels „wir Deutschen längst überwunden haben", während „die jüdischen Autoren einfach nicht über sie hinauskommen" (Seile 162), die Aufklärung hat den ersten Schritt zur Idee einer Weltliteratur getan (vergL Ernst Merian-Genast, Voltaire und die Entwicklung der Idee der Weltliteratur, in den Romanischen Forschungen, Band XL, Erlangen 1926). Diö Neuzeit wird diesen Gedanken zwar nicht wiederholen, aber wiederaufnehmen, geschmeidigen und weiterentwickeln. Der künftige Literarhistoriker wird einen Börne oder Heine nicht als Fremdling sondern als unvergeßliche Stimme des deutschen Geistes verstehen, wird aber auch an wirklich ausländischer, ja an noch so ferner und feindlicher Art und Kunst, wenn sie nur echt ist, sich nicht stoßen, sondern wie jeder unbefangene und reine menschliche Denker sich freuen. 430

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