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Der Morgen · 1926-12-01 · Heft 5 (Dezember 1926) · p. 425

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Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 5 (Dezember 1926)
Article
Das Gebet
Date
1926-12-01
Page
425 (sequence 7)
Language
German
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Das Gebet wachsenen so tief, daß er ein neuer Mensch, wird, als ob er sein Leben mit einer neuen Kindheit neu anfinge- Wer in seinen Überzeugungen erschüttert ist, bleibt meist sein Lebenlang trotzdem bei den Gewohnheiten seines Wesens. Erst in den Kindern zeigt sich, was mit ihm geschehen ist Für das heranwachsende, sich gestaltende Kind ist es von entscheidendem Einfluß, was die Menschen um es herum für wahr halten und was nicht. Seine Gestalt hat den Grund im Körper und im Geist der Eltern, dazu noch im Geiste all der andern Menschen, die Einfluß auf es gewinnen. Die Generationen gehören fest und in gestaltender Freiheit zueinander. Das Denken hat den Weg zur Erkenntnis der Gebetswirkung neu geöffnet Die Erfahrung der Unwirksamkeit des naiven Gebetes um irdische Dinge bleibt bestehen. Nicht ganz. Daneben ist die andere Erfahrung von der Kraft, die im Vertrauen liegt, nie ganz verschwunden. Man mußte sie sich als Vertrauen in das eigene Wesen deuten. Mari könnte sie sich heute als Vertrauen in das Ergebensein des Menschen in die unübersehbare Verbundenheit des Geistes und der Schicksale deuten. Dia Bitte des Einzelnen gewinnt damit Bedeutung unabsehbar in die Verbundenheit hinein, die Bitte um sein Leben, nicht weniger als die Bitte um seine Seligkeit, wie die Menschen das früher genannt haben. Es bleibt dieselbe Erfahrung. Nur die Deutung wird anders. Wenn der Mensch zu leben und glücklich zu sein liebt, wenn er seine Angehörigen liebt und um all diese Leben bittet, dann bedeutet das etwas anders in einer naturgesetzlich ablaufenden als in einer frei lebendigen Welt, in der seine Liebe eine Regung der Liebe überhaupt ist Es ist nicht mehr unser Denken, das uns hindert, es für möglich zu halten, daß ein Geschoß auf ein Gebet hin matt zur Erde fällt, aber an der Erfahrung, daß das Gebet diese Kraft nicht hat, wird nichts geändert und endlich wird die Erfahrung, daß dem Mutigen die Welt gehört, anders gedeutet, nicht mehr rein psychologisch, sondern auch kosmologisch. Die Unbill, die darin liegen würde, daß es dem Betenden besser ginge als dem, der nicht betet, würde den Grund abgeben, denen zu helfen, die sich nicht selbst helfen können. Noch Voltaire war kein Atheist Noch ein Menschenalter nach ihm hätte es dem Menschen vor dem ehrlichen metaphysischen Nihilismus des modernen Menschen geschaudert Wir können nicht wissen, wovon unsere Bander und Enkel überzeugt sein werden. Wir können . aber versuchen, ihnen die Wahrhaftigkeit des Denkens unserer Zeit, die intellektuelle Scham und das Offensein vor der Zukunft mitzugeben. 425

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