Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1926)
- Article
- Das Gebet
- Date
- 1926-12-01
- Page
- 424 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Richard Koch war dieses Weltbild nie ganz verschwanden- Dem entsprach, daß auch die mechanistische Überzeugung des gebildeten Menschen nur ausnahmsweise als endgültig empfunden wurde. Nur für die Exaltierten, für die Fanatiker der Entgottung, gab es keinen „Winkel in uns, der göttlich ist". Mit der neuen Überzeugung von Geist und Freiheit war auch der Weg zu den religiösen Gebilden wieder offen. In erst blutigen und dann mühevollen jahrhundertelangen Kämpfen hatte der Mensch zu zeigen versucht, daß die Kirche, die Religion, daß schließlich überhaupt nichts Übermenschliches und Unberechenbares Gewalt über den Menschen hat Früher hatte gerade die Allmacht, Allgüte, Allwissenheit große Schwierigkeiten gemacht, die Gebetswirkung zu erklären. Ein vollkommener Gott konnte sich den Ablauf seines Geschehens nicht durch die Bitte des Geschöpfes beeinflussen lassen. In dieser Überzeugungsform war es aber selbstverständlich, daß die Schwierigkeit sich lösen lassen mußte. In der durch die naturgesetzliche Notwendigkeit von Ewigkeit zu Ewigkeit vorausbestimmten Welt waren umgekehrt die religiösen Gebilde untragbar und mußten überwunden werden. Sobald aber ein freiwollender Mensch wieder denkmöglich wurde, wurde auch ein frei beeinflußbarer Urgrund der Welt denkmöglich und damit auch der Weg zum Gebet wieder frei. Die mögliche Freiheit des Menschen aber hatte sich ergeben, weil alle Versuche einer mechanischen Analyse der Welt nicht nur zu Schwierigkeiten, sondern auch zur Erkenntnis grundsätzlicher Unmöglichkeit geführt hatten. Man sieht nach manchem Irrtum heute wieder deutlich, daß die Naturgesetzlichkeit des Geschehens in den Lebewesen dauernd, durchbrochen wird. Wenn in die allgemeine Überzeugung eingegangen ist, daß der Mensch frei einem neuem Urgrund, dem er entstammt, gegenübersteht, daß jede seiner Regungen diesen Urgrund ganz anders angeht als irgend ein gestoßenes Stück Stoff, das er stieß, als einen glühend gemachten Eisenstab das Feuer, das ihn zum Erglühen brachte, dann muß die Stellung des intellektuellen Menschen zum Gebet eine andere werden. Wie sie werden wird, können wir heute noch nicht sehen. Das Leben des Erwachsenen wird von den Ergebnissen seines Denkens nur bis zu einer gewissen Tiefe erschüttert Nur selten faßt eine neue Erkenntnis einen Er- 424