Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1926)
- Article
- Das Gebet
- Date
- 1926-12-01
- Page
- 426 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Richard Koch: Das Gebet Uns selbst würde es nichts helfen, die Zeit der Nachgeborenen vorwegnehmen zu wollen, und uns eine Gestalt, die noch nicht ist, von der Zukunft zu borgen. Wenn wir uns schon im allgemeinen die Gestalt der späteren Menschen nicht vorstellen können, können wir ihnen erst recht nicht die Frage vorweglösen, wie sie es mit den überkommenen Gebeten halten wollen, die so vielen Geschlechtern so kostbar waren, und in die wir uns nicht mehr hineinfinden konnten- Würden wir diese Gebete für veraltet erklären, könnte es uns leicht geschehen, daß wir noch selbst erleben, daß unser Urteil veraltet Urteile veralten rasch. Alte Gebete haben die Kraft lange zu leben bewiesen- Es wird von uns nur verlangt, daß wir selbst Stellung zu ihnen nehmen. Unmoderne Menschen, deren Wesen noch unversehrt ist, modern aufzuklären, wird heute schon von selbst kein Mensch mehr wollen. Sie haben mehr als wir, und dieser Besitz hindert sie nicht, uns auf jedem Gebiete des praktischen Lebens und der Wissenschaft zu übertreffen. Nur die Menschen, die eine Gestalt angenommen haben, die ihnen nicht mehr oder noch nicht gehört, sind gegen unser Empfinden. Sie sind sogar eine Gefahr, denn sie gefährden die Sauberkeit des Weltganzen und machen aus ernsten Dingen Schaustücke. Wenn ein Kranker von Menschen umgeben ist, die aus dem Zwang der Natur für seine Gesundheit beten, dann ist er auch von Menschen umgeben, die sich mit der stärksten Kraft ihres Wesens für ihn einsetzen. Die Aussichten, daß er gesund wird, sind größer, als wenn er nur von Liebe umgeben wird, die zugleich Angst, Schwäche und Hilflosigkeit ist Gebete, die Angst und Schwäche nicht überwinden, sind, wie wir glauben, ohne Wirkung. Darüber dürfen wir nicht vergessen, daß sich die Menschen früher unter Gebetswirkung meist, aber nicht immer, etwas anderes vorgestellt haben. 426