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Der Morgen · 1926-12-01 · Heft 5 (Dezember 1926) · p. 423

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Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 5 (Dezember 1926)
Article
Das Gebet
Date
1926-12-01
Page
423 (sequence 5)
Language
German
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Das Gebet ist, auf diese improvisierten, naiven Gebete Reue haben. All das immer wieder mit Recht Man schämt sich nicht, wenn man bei einem Verbrechen entdeckt worden ist, für das man einsteht Die Scham ist an das Gewissen gebunden und das Gewissen in diesem Falle an das Denken. Das Denken hat bis heute das naive Gebet nicht aus unserer Natur ausgestoßen. Es hat es noch nicht endgültig überwunden. Die Natur hält zäh an diesem Mittel fest, sie läßt sich trotz aller Scham, wie sonst auch, nicht abspeisen. Die gewöhnliche, unmittelbare Scham ist ja auch bestehen geblieben und die Natur mit ihren Rechten auch. Beim naiven Gebet wirkt keine gefühlsmäßige Scham einer Naturkraft entgegen. Religiöse Scham schwieg immer, wo das Denken schwieg. Wenn im Geschlechtlichen Naturkraft und natürliches Schamgefühl in Spannung nebeneinander bestehen bleiben müssen und können, duldet die Scham des Denkens kein Nebeneinander. Zunächst besteht sie für den Denkenden. Alles weist immer wieder auf das Denken hin. Die religiöse Belebung kam wohl zustande, weil die Menschen wieder Religion wollten. Möglich wurde diese Belebung aber erst, als das Denken die Erlaubnis gab. Nur mit dieser Erlaubnis haben wir Religion gewollt Als wir Religion wollten, mußte das Denken zu veränderten Ergebnissen gekommen sein, was bekanntlich auch der Fall war. Es gibt verschiedenes Denken, eines der großen Denker, ein anderes der vermittelnden Geister, ein drittes des gebildeten Publikums. Auf jeder Stufe sehen seine Ergebnisse etwas anders aus, als es auf der vorhergehenden gemeint war. Gestalt bestimmend sind natürlich die Denker, Gestalt bildend die Vermittelnden, Gestalt zeigend das gebildete Publikum. Auf der dritten Stufe war nur eine Weltanschauung möglich, die Religion ohne intellektuelle Scham unbedingt ausschloß. Sie hieß: die Welt besteht seit Ewigkeit aus einem Stoff, der sich nach schließlich entdeckten Naturgesetzen bewegt und so die drei Reiche der Natur zur Entwicklung kommen ließ. In dieser Welt ist Geist und Seele, Gott und seine Wirkung nicht möglich. Was dagegen spricht, muß sich anders erklären lassen oder ist Glaubenssache, von der man also nichts weiß, die also nicht existiert Niemand kann leugnen, daß dieses Denkergebnis die Gestalt der modernen Menschheit bestimmt hat, wenn es auch nachträglich niemand gewesen sein will. Aus der Wissenschaft selbst wurde klar, daß sich die Welt so nicht erklären läßt und daß sie so nicht ist, sondern daß es außer Kraft, Stoff und Naturgesetz auch Geist und Freiheit gibt In breitem Gebiet der Wissenschaft 423

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