Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1926)
- Article
- Das Gebet
- Date
- 1926-12-01
- Page
- 422 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Richard Koch Das würde zunächst eine endgültige Erledigung des Sinnes vieler Gebete bedeuten, auf die die Glaubensgemeinschaften nicht verzichten. Von den Gebeten, die das Mark der Konfessionen ausmachen, würde recht viel wegfallen müssen, wenn wir die Gebetbücher im Sinne dieser hohen Forderung berichtigen würden, die Psalmen zum Beispiel überall da, wo in ihnen um das Leben, gebetet wird Mit dieser Reinigung aber würde von dem geschichtlich gewordenen Sein der Konfessionen so viel in Wegfall kommen, daß es sich fragt, ob dieser Blutverlust lebendig überstanden werden kann, ob dann nicht die neue Religion zu wenig mit der alten gemeinsam hatte, um noch denselben; Namen tragen zu können. Außerdem fragt es sich sehr, ob diese neue Religion dann nicht Privatsache eines engen erlesenen Kreises würde. Die in Glaubenssachen Verantwortlichen haben sich bis heute gehütet, die Wirkungslosigkeit des Gebetes für unsere irdischen Wünsche auszusprechen. Auch die Lebendigkeit der naiven Beter, von der Heiler spricht, ist zweifellos eine bedeutsame Erscheinung. Er bringt unter anderem aufgezeichnete Gebete Beethovens. Darunter findet sich (S. 4i8): „Oh Gott, Gott, sieh auf den unglücklichen Beethoven herab, laß es nicht länger so dauern." Auch bedeutende Leute können sich in Widersprüche von Denken und Fühlen verwirren. Trotzdem sagt es viel, wenn große und reiche Naturen beten, es sagt so viel, daß daneben fast verblaßt, wenn blutlose aber scharfsinnige Menschen nicht beten. Der moderne Mensch, der wegen seines Scharfsinns nicht betet, der das empfindliche Gewissen des Verstandes hat, verliert hier etwas von seinem Verstandesstolz und wird sehr klein. Trotzdem bleibt das Gewissen des Verstandes unerschütterlich und unbestechbar. Es zwingt, den unangenehmen Vorwurf menschlicher Dürftigkeit und Dürre hinzunehmen. Wir können trotzdem nicht werden wie die religiösen Naturen H e i 1 e r s, der, wenn es ihm möglich wäre, gewiß selbst die Grenzen der Religionsgeschichte und Religionspsychologie als Schriftsteller nicht einhielte, und nicht mit uns vor dem Geheimnis der religiösen Menschen stehen bliebe. Vielleicht aber hält ihn auch kein Versagen der Kraft zurück, sondern die religiöse Scham, die stärkste Feindin jedes religiösen Gemeinschaftslebens, eine Scham, die er wieder mit uns andern modernen Menschen teilt, die eine vernünftige Scham des Gewissens, des Verstandes ist Auch wir andern modernen Menschen würden im großen Ganzen in der höchsten Not um Hilfe von oben bitten. Wir würden, wenn die Not vorüber 422