Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1926)
- Article
- Das Gebet
- Date
- 1926-12-01
- Page
- 421 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das G«bet dringen ist dem religiösen Menschen vorbehalten. Es fragt sich nur, ob der moderne Mensch je wieder ein religiöser Mensch dieser Art werden kann. Wir müssen denken, alle Versuche des Menschen, sich von der Herrschaft des Denkens zu befreien, sind gescheitert Wir glauben nicht mehr an ein Gefühl, das so stark überzeugt, daß das Denken davor schweigt Wohl kann unser Gefühl uns überzeugend sagen, daß das Ergebnis unseres Denkens falsch sein muß. Wir würden dann nicht ruhen, bis wir das Denken berichtigt und mit dem Gefühl in Übereinstimmung gebracht hätten. Man braucht die Begriffe nicht eingehender zu entwickeln, um sagen zu dürfen, daß in Glaubenssachen heute das Denken ein waches Gewissen ist, das pocht und hämmert, wenn das Gefühl dahin ausschweift, wohin es den Menschen zieht, das nicht Ruhe gibt, bis das Gefühl sich beschränkt, im Gehege der Wahrhaftigkeit zu bleiben. Im echten Gebet bitten wir um die Erfüllung all unserer brennenden Wünsche Wir mögen noch so ernst um die Erfüllung gehobener Wünsche bitten, außerdem bitten wir um die Erfüllung der Wünsche unserer ganzen menschlichen Lebendigkeit, um Abwendung unserer Not und unserer leiblichen Schmerzen, um unser Leben und um das Leben und Glück unserer Lieben. Wenn hier das Gebet nichts nützen kann, alles andere können wir auch ohne Gebet unter dem Begriff der Andacht unterbringen. Von Andacht soll aber hier nicht geschrieben werden, denn sie ist dem Menschen wieder zugänglich geworden, wenn er sie auch noch nicht wirklich zu besitzen weiß. Er kann sie haben, wenn er stark und ernsthaft will. Gegen die Wirkung des naiven, ungehobenen Gebetes spricht alles, was an Wissen Überzeugungskraft auf die Gesamtheit gewonnen hat, spricht tausendfältige Erfahrung und nicht zuletzt die Gewißheit, daß es sehr ungerecht wäre, wenn ein herrschender Wille dem Betenden gäbe, was er dem, der nicht betete versagt Es hegt ein persönlicher Einwand sehr nah. Man kann die Einwände gegen das naive Gebet zugeben, aber sagen, daß dieser Tatbestand nichts weiter ausmache. Nur niedere Seelen könnten sich nicht damit zufrieden geben,, daß gleichsam um irdische Güter nicht gebetet werden könne, und sie könnten nicht erkennen, daß die echte Religiosität auf der Überzeugung beruhe, daß die . irdischen Güter des Betens unwürdig, die würdigen Güter aber durch die Andacht dem Gebet erreichbar seien. 421