Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1926)
- Article
- Das Gebet
- Date
- 1926-12-01
- Page
- 420 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2895450-2895459-2895465-2897306--01400-2897357- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Bichard Koch Mit dieser Feststellung aber hat es nickt sein Bewenden. Es ist nicht so, daß der moderne Mensch nicht betet, und daß er entschlossen ist, in aller Zukunft nicht mehr zu beten. Vor kurzer Zeit mag es mehr so gewesen sein, bedingungslos gewiß auch damals nicht Heute sind die totgeglaubten Begriffe der alten Glaubensformen wieder erwacht und haben sich fast von jedem Herzen ein Stück zurückerobert Es ist so geworden, daß die modernen Menschen bereit sind, sich zu dem alten Glauben zu bekennen, die alten metaphysischen Ideen wieder anzunehmen, den Hunger des Gemütes wieder anzuerkennen und diesen Hunger zu stillen, wie es Eltern und Voreltern getan haben, aber zunächst unter Verzicht auf die Hauptsache, auf das Gebet Und selbst diese Feststellung muß noch weiter dahin eingeengt werden, daß auch dem Gebet wieder ein Teil seines Sinnes zugebilligt wird. Das Gebet, wie es die Großen der Bekenntnisse, wie es Theologen und Philosophen aufgefaßt haben, als eine Hingabe an den Willen, der die Geschicke leitet, als eine Stärkung der Seele aus andächtiger Verfassung des Gemütes, dieses Gebet scheint vielen Menschen heute wieder möglich. Friedrich Heiler spricht in seiner bekannten, mehr als wissenschaftlichen, großen Untersuchung über das Gebet an mehr als einer Stelle aus, daß dieses Gebet das eigentliche Gebet nicht ist Das Werk schließt mit folgenden Sätzen: „Der Religionshistoriker kann nur Zeuge und Dolmetsch jenes tiefen und kraftvollen Lebens sein, das im Gebet sich enthüllt; in sein Geheimnis einzudringen, ist dem religiösen Menschen vorbehalten. Aber die wissenschaftliche Forschung steht am Ende unter demselben überwältigenden Eindruck wie die lebendige Frömmigkeit; sie ist genötigt einzustimmen in das Bekenntnis eines der größten Kirchenväter (Chrysostomus): Owe eattv ovdlv ev%i;g dvvcczcoTeQOv ovöe ioov „Nichts ist gewaltiger als das Gebet und nichts ist ihm zu ver-* gleichen." Eindringlich weist Heiler an vielen Beispielen nach, wie das Denken^ die Tätigkeit zu beten auflöst, wie es nur, und auch das nur infolge mangelnder Folgerichtigkeit und gefühlsmäßiger Gehemmtheit, einen abgeblaßten Ersatz für das echte Gebet übrig läßt, wie man aber bei naiven und lebensvollen Menschen, wie man mit einer gewissen Regelmäßigkeit bei bedeutenden Menschen echtes, unverkümmertes Beten findet Nur das Wort, auf das Heilers Werk gerichtet ist, die Aufforderung „Drum betet'.", das kann auch er, ein moderner Mensch nicht anders als wir, nicht aussprechen. In dies Geheimnis einzu- 420