Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1926)
- Article
- Das Gebet
- Date
- 1926-12-01
- Page
- 419 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Gebet Von Richard Koch Der moderne Mensch betet nicht Das ist seine deutlichste Eigentümlichkeit Modern in diesem Sinne ist der Bewohner der Großstadt, der Mensch, dem die wissenschaftliche Erkenntnis der Welt mehr bedeutet als das, was seine Eltern oder Voreltern für richtig gehalten haben. Wenn man diesen modernen Menschen beschreibt, muß man sich hüten, ein Zerrbild zu entwerfen, denn wir, die Leser unserer Zeitschriften, sind moderne Menschen und sind so, weil wir die Lebensform gewählt haben, die uns die beste scheint In vielen Einzelfällen sind wir, was wir sind, weil die Verhältnisse, die unser Leben gestaltet haben, stärker waren als wir selber, weil wir nicht eigene Kraft genug besaßen, um uns zu unserer eigenen Meinung zu bekennen. Aber entscheidend ist, daß es vielen von uns freigestanden hat, das Land, die kleine Stadt, engere Verhältnisse zu wählen, und weil es auch im Kulturkreis der Großstadt genug Auswege gibt, uns ihrer Lebensanschauurig zu entziehen. Es sind genügend alte und neue Institutionen auch in der Großstadt vorhanden, denen wir unsere Seelen zur Verfügung stellen können. Es gibt ehrwürdig erstarrte Kirchlichkeit und alle Zwischenformen uns fremdgewordener Zeit, bis herunter zu den sehr modernen spiritistischen Spielereien. Das zeitlose Land hat Kolonien in der Großstadt gerade so, wie die Großstadt ihre Kolonien auf dem Lande hat Wir also beten nicht, und wenn wir es doch tun, dann aus Gewohnheit, diey mit unserem Wesen nichts mehr zu tun hat oder aus irgendeiner Zwiespältigkeit unserer Person heraus, oder vielleicht auch als einzelne, denen ein besonderes Schicksal eine uns anderen verlorengegangene Welt wieder erschlossen hat, oder fast alle von uns in höchster Not, wenn unser Lebenskreis uns bedeutungslos geworden ist, wenn wir uns vom Urmenschen nicht mehr unterscheiden. 28* 419