Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1926)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1926-10-01
- Page
- 411 (sequence 3)
- Language
- German
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Besprechungen anders begraben; und schlafen, dachten wir, täten sie ebenso wie wir. Sie wollten auch nicht zum Volk gehören- Nur zum »Deutschen Volke« wollten sie gehören." (S. 87.) „Wir hatten keinen Stolz, Deutsche zu sein, aber wir hatten den Stolz, Volk zu sein." (S. 88.) Wer noch nicht weiß, was Volkstum ist, in der Schilderung der Neusorger läßt es Wittig lebendig vor unseren Augen erstehen. Die Zeitschrift darf als erfreuliches Zeichen unserer Zeit angesprochen werden, nicht weil Menschen verschiedener religiöser Welten in ihr sich zusammenfinden, sondern weil sie das aus dieser Verschiedenheit heraus tun können. 0. Melier. Die Israelitische Kultusgemeinde Nürnberg 1874—1924. Von Rabbiner Dr. Max Freudenthal. IV und 172 S. Nürnberg 1925. J. Bulka-Verlag. Die israelitische Kultusgemeinde Nürnberg konnte im Herbst 1924 das öojährige Jubiläum ihrer Hauptsynagoge feiern. Aus diesem Anlaß ist das vorliegende Buch geschrieben worden, das an die Arbeit Dr. Bernhard Ziemlichs aus dem Jahre 1899 anknüpft: „Die Geschichte der Gemeinde Nürnberg von ihrem Entstehen bis zur Einweihung ihrer Synagoge am 8. September 1874." Die heutige Gemeinde Nürnberg ist verhältnismäßig jungen Datums. Ihre Anfänge reichen kaum über die Mitte des vorigen Jahrhunderts hinaus. Ihr schneller Aufstieg, ihre bemerkenswerte Entwicklung hängt zusammen mit der bedeutsamen Stellung Nürnbergs im deutschen Wirtschaftsleben, das im nördlichen Bayern sich sehr stark auf die altberühmte regsame Handelsstadt konzentrierte, und nicht zuletzt durch die hier zusammenströmende jüdische Bevölkerung vielseitige und verständnisvolle Förderung fand. Überraschend schnell hat sich dieser Prozeß in Nürnbergs Mauern vollzogen, und nicht alltäglich ist die Freudigkeit gewesen, mit der die jüdischen Bürger Nürnbergs durch Werke der Menschenfreundlichkeit, durch Schöpfungen der Wissenschaft und der Kunst ihre Heimat bedacht haben. Im Leben der jüdischen Gemeinschaft Bayerns hat sich die Gemeinde Nürnberg sehr schnell eine führende Stellung errungen. Das dankt sie dem Glück, daß immer Männer von starkem Willen, weitausschauendem Blick und ausgebreitetem Wissen an ihrer Spitze bis zum heutigen Tage standen, und die reichen geistigen und sittlichen Kräfte der Gemeinde für die gemeinsamen Ziele zu gewinnen und zu befruchten wußten. Männer wie Moritz Lewin, Bernhard Ziemlich und Max Freudenthal haben ihre reichen Gaben in den Dienst ihres blühenden Gemeinwesens gestellt und große Erfolge erzielt. Weit über den Kreis Nürnbergs hinaus wird ihr Name verehrt, der mit sozialen Schöpfungen und wissenschaftlichen Arbeiten des deutschen Judentums eng sich verbindet. Hand in Hand mit ihnen haben die Verwaltungskörperschaften der Nürnberger Gemeinde unter verständnisvoller Würdigung ihrer Pläne gearbeitet, unter Führung Gustav Josephthals und Sigmund Heids, zweier Juristen von Bang, die, weithin bekannt, sich um die Entwicklung der Gemeinde Nürnberg höchstes Verdienst erwarben und die Tradition strenger Objektivität und friedfertiger Sachlichkeit der Gemeindeverhandlungen gepflegt haben. Diese Einmütigkeit und Vornehmheit der Führer hat auch die Stürme überwunden, die in Zeiten hochgehender religiös-politischer Kämpfe die Einheit und den Zusammenhalt der Gemeinde bedrohten. Die Schlichtung dieser Streitigkeiten ist vorbildlich für das ganze Land geworden, das bisher von der Bildung von Sondergemeinden verschont geblieben ist. Es ist hier eben in der Gemeinde wie im Gemeindeverband der Weg gefunden, im gemeindlichen Leben allen billigen Anforderungen gerecht zu werden. ■ Dafür sorgen die Institutionen der Gemeinde in hohem Maße, ein sorgfältig durch Generationen gepflegtes Schulwesen, die wissenschaftlichen Hilfsmittel der Fortbildung, wie die Gemeindebibliothek, die zugleich das Vortragswesen betreut, und eine Fülle sozialer Einrichtungen und Schöpfungen. Wie all die hier skizzierten Ereignisse und Einrichtungen in kaum zwei Menschenaltern entstanden sind, das schildert Freudenthal frisch und lebendig, mit sorgfältiger Zeichnung der Persönlichkeiten und ihrer Verdienste. Er hat aus der Fülle des Materials eine wohldurchdachte Auswahl getroffen und übersichtlich gestaltet. Längst bewährt als historischer Forscher und Schriftsteller hat er uns eine Gabe von dauerndem Werte gegeben, die um so reicheren Gewinn verheißt, je mehr sie uns an einem bedeutsamen Beispiel sachlich und objektiv über wichtige Ereignisse aus der Geschichte der letzten 5o Jahre jüdischen Gemeindelebens unterrichtet. S. Behrens. 411