Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1926)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1926-10-01
- Page
- 410 (sequence 2)
- Language
- German
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Besprechungen In „Glaube und Bildung" legt Rudolf Ehrenberg gleichsam den Grund, indem er versucht, das Verhältnis des Ichs zur Welt, des Einzelnen zum Ganzen, darzustellen. Es werden wertvolle Einsichten in den Prozeß des Lebens gegeben, während die dabei wirksamen Funktionen von Glaube und Bildung weniger klar zum Ausdruck kommen. Martin Buber behandelt in einer „Rede über das Erzieherische" das persönliche Verhältnis zwischen Erzieher und Zögling. Er räumt dabei mit dem modernen Irrtum auf, daß das Prinzip der „neuen" Erziehung im „Eros" wie das der „alten" im „Machtwillen" gesucht werden müsse. Bei der Erziehung kann nicht von Genießen, ebensowenig von Beherrschen des Zöglings die Rede sein. Sie bedeutet vielmehr hohe Askese: Dienst des Geistes am Leben. (S. 43.) Indes kann auch dieser Aufsatz trotz tiefer Aufschlüsse nicht ganz befriedigen, nicht weil er kein Erziehungsziel aufstellt, sondern weil er die Möglichkeit eines solchen leugnet. Der Erzieher ist für den Zögling Repräsentant, Organ der Gott verbundenen, Gott zugewandten Welt. Entsprechend diesem Woher lautet auch die Antwort Bubers auf das Wohin der Erziehung: zum Ebenbild Gottes. Aber er will dieses Ziel nur ganz allgemein abstrakt gelten lassen und lehnt jedes Bilden auf eine konkrete Gestalt hin ab, weil alle Gestalten zerbrachen. (S. 5i.) Mit gleichem Recht läßt sich das auf den Ursprung, das Principium anwenden. Kein Erzieher ist Mittler der ganzen Welt, sondern jeder erfüllt die Aufgabe nur für einen ganz bestimmten Zeit- und Raumausschnitt. Und wenn um des Unbedingten willen das Bedingte abgelehnt wird, so ist überhaupt kein Erzieher möglich. Buber vergißt aber dann, daß der Weg nicht nur von Gott, sondern auch zu Gott durch die Geschichte geht, und nicht über sie hinweg. Auch Eugen Rosenstock bringt in „Lehrer und Führer" neue und überraschende Einsichten. Im „Akademiker und Offizier, Mönch und Ritter" führt er den geschichtlichen Stammbaum beider Typen auf und erschließt eine wesentliche Seite in ihrem Verhältnis zur Zeit. Durch Führung verfaßt sich die Seele in ihrem Lebensraum, durch Lehre in die Zeit. Führung nennt Rosenstock deshalb einährig. Sie duldet keine Entwicklung, sondern legt ihre Gefolgschaft auf einen Zustand fest. Lehre dagegen ist mehraltrig. Man könnte auch sagen, Führung ist der Zukunft, Lehre der Vergangenheit zugewandt: das Wichtigste, das innere Verhältnis zwischen Lehre und Führung, das in unsrer Zeit auseinandergebrochen ist oder sich in der Militarisierung unsres Zivillebens verkehrt hat, wird nur angedeutet, aber nicht entwickelt. Viktor von Weizsäcker macht in seinem Aufsatz „Der Arzt und der Kranke" darauf aufmerksam, daß die gegenwärtige Medizin zwar eine Lehre von Krankheiten, von den Erscheinungen des Krankseins, aber keine vom kranken Menschen besitzt. (S. 72.) Der Mangel erklärt sich aus ihrer Methode. Sie sieht im Kranken ein Objekt, dem Arzt hingegen ist er eine Person, ein Du. Von der Wissenschaft zur Praxis des Arztes führt keine Brücke. Weizsäcker gibt „Stücke einer medizinischen Anthropologie" und zeigt, daß es sich auch hier wie bei Erzieher, Lehrer und Führer um ein Urphänomen des menschlichen Lebens handelt, um Helfer und Hilfe Suchende. Florens Christian Rang rechnet im „Reich" mit dem deutschen Idealismus ab, der sich „das Grauen mit dem Gedanken erleichtert, daß hinter den Wolken ja Sternhimmel sei — diese deutsche Geistes-Grundrichtung ist zu tiefst willenlos, sie meint nicht, was sie sagt, ist ein Verkriechen, eine Feigheit, ein Nichtwissemvollen, ein Nichtlebenaber auch Nichtsterbenwollen." (S. i34.) So freudig man auch hier auch in vielem zustimmt, den zutage tretenden Barth-Gogartenschen Radikalismus wird man ablehnen. In „Die Schrift und das Wort" rechtfertigt Franz Rosenzweig die neue Bibelübersetzung, zeigt ihre Schwierigkeiten und Ziele. Zwischen diese philosophisch-soziologischen Aufsätze sind zwei Arbeiten mehr persönlichkünstlerischer Natur eingeschoben, die eine von Wilhelm Michel: Gestalten der Angst. Es sind in Bekenntnisform Auseinandersetzungen des erwachenden Ichs mit der Umwelt. Die andere ist von Joseph Wittig: Das Volk von Neusorge. In ihm verbindet sich plastische Gestaltungskraft mix tiefster Lebensweisheit. Wie blitzartig erhellt sich das „Deutschtum'- der Gebildeten, wenn er von ihnen sagt: „Sie hatten ihre besondere Kleidung, ihre besonderen Sitten, ihre feine Sprache; sie aßen anders, ließen sich auch 4X0