Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1926-10-01 · Heft 4 (Oktober 1926) · p. 399

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 4 (Oktober 1926)
Article
Religiöse Not
Date
1926-10-01
Page
399 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2895450-2895459-2895464-2897151--01348-2897276
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Felix Goldmann: Religiöse Not nicht zu vereinen. Denn dieses ist in seinen Grundlagen und seinen Zielen ein Objektives, das Menschen meistern und leiten will, nicht aber der Menschen Spielball sein mag. Es ist von überragender Größe und Gewalt dem einzelnen kleinen Individuum gegenüber, dem es keinen Einfluß auf seine Gestaltung einräumt. Dem subjektiven Vermögen des Menschen ist Spielraum nur gegeben in der engen — und doch auch unendlich weiten — Sphäre der Verwirklichung dessen, was religiöse Lehre fordert. Hart klingt solches in den Ohren derer, für die der Mensch das Maß der Dinge ist, für die jede Zeit in ihrem eigenen Sein absolut wertvoll ist. Aber jeder Subjektivismus muß in seiner Überspannung fatalistisch sein, jeder übertriebene Subjektivismus sprengt die Gemeinschaft, und das Judentum, das nicht Zeit, sondern Ewigkeit ist, das sittliche Entwicklung lehrt und Gemeinschaft als Kulturziel setzt, das nie das Wohlgefallen einer Zeitströmung gesucht hat, das stets in seinen großen Ideen in sich geschlossene, die Außenwelt kaum berührende Eigenentwicklung war, kann keine Einigung mit dem religiösen Zeitgeist finden, der die Not der Seelen schafft. Klare Erkenntnis tut hier not, damit sich nicht wiederhole, was im Mittelalter nur zu oft den Bau zu erschüttern drohte. Denn die Erscheinung ist nicht neu. Einst suchte religiöses Empfinden, das auf dem Boden hellenischer Weisheit erwachsen und im Denken arabischer Philosophen volkstümliche Gestalt gewonnen hatte, den Ausgleich mit dem Judentum. Und in überheblicher Selbstgerechtigkeit gestand es dem Judentum nur das Recht auf Form zu, die sein eigener neuer Inhalt füllen sollte. Die jüdische Religionsphilosophie des Mittelalters ist heute nur eine lehrreiche Reminiszenz, denn die Ideen und Gefühle jener Tage haben sich überlebt, sind geschwunden; aber unserer Religion kraftvolles selbständiges Eigenleben ist nicht wesentlich gestört worden, ist geblieben 1 Religionsphilosophische Tendenz spricht auch aus der religiösen Not von heute, sie will dem Judentum Namen und Formen lassen, will aber eigenen fremden Inhalt in sie gießen. Man will das Wesen des Judentums im Sinne zeitlich bedingter Empfindungen umbiegen. Die relative religiöse Not ergibt sich aus der Unmöglichkeit, das historisch Gewordene in sich ganz zu überwinden. Auch wer religiöse Werte weder besitzt noch achtet, muß sich mit der Tatsache des Judeseins auseinandersetzen. Wer den Mut hat, das Judentum ganz von seinem religiösen Untergrunde loszureißen und sein Wesen so zu deuten, wie es die Politik der Zeit gebietet, wer so mutig ist, ein neues nationales Judentum zu konstruieren, ist aller Sorgen ledig. Für ihn gibt es keine religiöse Not! Da aber das Bekenntnis zu einem nationalen Judentum manchen Hemmungen begegnet, künden viele "ein religiöses Judentum, ohne daß Religion überhaupt oder auch nur eine eigentliche Sehnsucht nach ihr in ihnen lebt. Ihr Wunsch nach einem Ausgleich schafft dann die Systeme, von denen auch Löffler in seinem Aufsatz spricht. Sie suchen dem Gotte der Väter näher zu kommen, wenn sie die Größe und Herrlichkeit der Natur bewundern, sie möchten durch das Wissen vom Judentum in seines Wesens Tiefe dringen, sie beschäftigen sich liebevoll mit einer Teilerscheinung unseres reichen religiösen Lebens, dem Chassidismus, sie wähnen, daß gewollte Unverständlichkeit des Ausdrucks,, daß gequältes Schwärmen den Pfad zu wahrem Glauben ebnen. Und ahnen doch selber, daß alle Wege, und ganz besonders gilt das von dem Neo-Chassidismus deutscher Prägung, nichts sind als kühl konstruierte Verstandesprodukte, denen benebelnder Wortschwall den Anschein des Irrationalen gibt. In diesen Kreisen sehnt man sich nach dem religiösen Erlebnis! In mancher Seele lebt etwas der Spielernatur Verwandtes, das mit einem Schlage den ganzen Reichtum der Gottesnähe erraffen möchte. Jüdische Religiosität ist so nicht zu ergründen, geschweige denn zu erlangen. Sie wirkt nicht in den Höhen der Exstase, sondern sie durchdringt in stillem, zähem Wirken alles Leben mit dem Lichte der Ewigkeit. Jüdische Religion kann man nicht erleben, man muß sie 1 e b e n 1 Und daran soll denken, wer aus religiöser Not den Ausweg sucht. Wer, so sagt dem Sinne nach ein weises Wort des Talmuds, zuerst etwas nicht um seiner selbst willen tut, kommt schließlich im Laufe seines Mühens doch dazu, es um seiner selbst willen auszuführen! Und wenn unser Judentum als Religion der Tat gepriesen wird, so liegt darin auch ein Werturteil! Ausschlaggebend ist nicht allein das Subjektive, die Gesinnung des Handelnden allein, sondern das Objektive, der Erfolg und der Nutzen, den die Tat stiftet. Und wer in Wahrhaftigkeit den Weg zu seiner jüdischen Religion sucht, der findet ihn, wenn er zur religiösen Gemeinschaft 399

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.