Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1926)
- Article
- Religiöse Not
- Date
- 1926-10-01
- Page
- 398 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Religiöse Not Von Felix Goldmann Die religiöse Not des jüdischen Menschen ist vielfältiger Axt. Aus manchen Seelen schreit wirklich die Qual, von der Löffler spricht 1 Jene sind's, denen tiefe Religiosität eigen ist. Ihnen tritt das Judentum entgegen, klar und stark in seiner von den Jahrtausenden getragenen Lehre, geheiligt und unantastbar durch die grenzenlosen Opfer, die Menschen und Geschlechter in nimmer zu erschöpfender Willigkeit ihm freudig gebracht haben. Und die Festigkeit des Judentums deucht ihnen Starre zu sein, während ihre eigene Starrheit ihnen als Fülle des Charakters erscheint. Ihre Religiosität ist nicht die des Judentums! Dieses können sie nicht biegen und ändern, sich selber wollen sie nicht wandeln. Und solcher Konflikt ist religiöse Not, echte positivel Freilich sind, die sie empfinden, die wenigen, die ganz wenigen! Aber es gibt auch eine relative religiöse Not. Ihr Ursprung liegt nicht im Fühlen, sondern im Denken. Sie erwächst nicht aus der Ewigkeit, sondern aus Zeit und Politik I Juden gibt es, denen man die Eigenart ihres Seins mehr entgegenschreit als daß sie sie fühlen, die von außen her zu ihrer Gemeinschaft getrieben werden. Von der Geschichte her wird ihnen Kunde vom Wesen dieser Gemeinschaft, und kalte Kenntnis redet kluge Worte vom religiösen Ursprung, von der religiösen Zukunft, vom religiösen Sinn des Judentums. Ihre Seele ist aber erfüllt von dem Wollen einer modernen Zeit, und sie suchen die Welt und ihre Probleme rein rationalistisch zu erfassen. Den Ausweg in den Determinismus, der das Irrationale der Religion durch den vielen modernen Seelen schmacki) Vgl. Nr. 3 II. Jahrgang. haf teren Fatalismus des Blutes und der Rasse ersetzt, die Flucht in den Nationalismus, verschmähen sie aus mancherlei Gründen. Und so ersteht der Zwiespalt. Sie sind erfüllt von ihrem Judesein, sie betonen es I Aber sie wissen, daß Judentum Religion ist, und von ihr spürt doch ihre Seele nichts. Tragischen Kampf fechten sie aus. Auf Pfaden, die im Irdischen verlaufen, suchen sie Ewigkeit I Ihre religiöse Not ist darum nur relativ, denn nicht von innen entsteht sie, sondern von außen her, von der Tatsache, daß das von ihnen aus anderen Gründen anerkannte Judentum historisch ein religiöses Gebilde ist. Wenn nun die wirkliche religiöse Not einzelner Juden sich daraus ergibt, daß sie ihr religiöses Fühlen nicht einzuordnen vermögen in die Kategorien des historisch gewordenen Judentums, so stehen sie vor einem unlösbaren Problem; denn die individualistische Religionsauffassung, die unsere Zeit beherrscht, ist unvereinbar mit der sozialen Grundrichtung des Judentums. Das religiöse Bewußtsein der Gegenwart ist nicht gemeinschaftsbildend, wohingegen die letzte Verwirklichung jüdischer Forderung die Gemeinschaft ist. Der Jude sucht nicht Gott für sich allein, er will, daß seine Brüder mit ihm suchen! Nirgend erweist es sich so klar wie hier, daß der gewaltige Einfluß des Christentums auf die gesamte Kulturgestaltung auch in die Tiefe des religiösen Gefühls gedrungen ist, denn moderne Religiosität ist die Frömmigkeit des Einsiedlers, des Grüblers, der seinen Gott in sich zu finden hofft, der auch ohne die Welt zu leben vermag. Solcher Subjektivismus ist nicht jüdisch, und er ist auch mit dem Judentum 398