Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1926)
- Article
- Religiöse Not
- Date
- 1926-10-01
- Page
- 400 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Felix Goldmann: Religiöse Not durch jüdisches Tun sich bekennt. Es gibt eben religiöse Betätigung, die die Gesinnung heranbildet. Und das Gebiet der Taten ist ja unendlich groß. Wer in der Empfindung religiöser Not zu seiner religiösen Gemeinschaft strebt, mag beispielsweise durch soziale Tat zur sozialen Gesinnung und durch sie zu ihrer religiösen Grundlage gelangen. Wer aber in Einsamkeit und Untätigkeit das religiöse Erlebnis, die Wunder seines Lebens, erwartet, wird zum Judentum nie gelangen! Einwenden mag man vielleicht, daß eine leere Seele auf solchem Wege nie und nimmer des Glaubens Fülle oder auch nur seinen Hauch verspüren wird. Der Ton der Religiosität muß wenigstens den Resonanzboden finden, der mitklingen soll. Wäre die Fähigkeit religiösen Empfindens wirklich den Herzen fremd, so ließe sich gegen diese Argumentation kaum etwas einwenden. Denn ein absolutes Nichts könnte positiven Glauben nicht hervorbringen. Aber die Seelen sind ja gar nicht leerl Tief in ihrem Grunde ruht, was allen Geschlechtern Israels in reichem Maße beschert war. Zeitgeist und Zeitkultur mögen wohl mit der Fülle ihrer Ideen und ihres Stoffes das alte religiöse Gefühl bedecken, aber sie ersticken, sie töten es nicht. Wirkt es auch nicht, so lebt es doch! Und wer die religiöse Not in Qualen verspürt, der vermag dem Quell neuen Weg zu verschaffen, daß er sprudle und fließe. Das Judentum bleibt und überdauert Menschen und Zeiten I In Perioden, da die allgemeine Kultur Wege geht, die nicht neben denen Israels einherlaufen, erhebt sich religiöse Not. Wer ernstlich will, vermag sie zu überwinden. Wer nicht will, leidet selber und schadet nicht dem Judentum. Denn Zeiten werden kommen, da nach des Propheten Wort das Krumme wieder gerade, da religiöse Not darum geschwunden sein wird, weil der Zwiespalt zwischen jüdischem Glauben und Kultur einer für immer verflossenen Vergangenheit angehört. Weltkonferenz fiir liberales Judentum in London Ein Teilnehmer schreibt uns: Es war ein langgehegter Wunsch, eine Konferenz religiös-liberal gesinnter Juden aller Kulturländer zustande zu bringen mit dem Ziele, eine dauernde Weltunion des liberalen Judentums zu begründen. Besuch und Verlauf der nach London einberufenen Tagung bewiesen, daß die englische Judenheit ein Recht dazu hatte, hierin die Initiative zu übernehmen. Die Namen der Referenten, die Wahl der Themen, die Verteilung auf die Länder (nur Osteuropa und der vordere Orient waren unvertreten), die Leitung der Verhandlungen verbürgten und gewährten einen günstigen Erfolg. Nicht eine Heerschau, eine Tagung der Führer kann die Konferenz genannt werden. Im deutschen religiös-liberalen Judentum, dem Mutterboden des jüdischen Liberalismus seit Moses Mendelssohn und später Abraham Geiger strebt man heute, das Überkommene zu vertiefen. Jenseits des Ozeans ist unter der Ägide von Isaac M. Wise, Geigers überzeugtem Jünger, das amerikanische Reformjudentum zu einer bereits historischen Erscheinung geworden, gegenwärtig aber in einer Krise befindlich, die vorzüglich in dem Gegensatz zwischen Samuel Schulmann und Siefen Wise kulminiert. Nur die englische Judenheit befindet sich in der ersten Phase ihrer liberalen Entwicklung; sie ist fest verknüpft mit den Namen Claude G. Montefiore und Lily H. Montagu, die auch an vorderster Stelle für die einladende Gesellschaft, die „Jewish Religious Union for the Advancement of Liberal Judaism" zeichneten. Das Fazit eines dreitägigen, mehrsprachigen Redeturniers (10.—12. Juli 1926) zu ziehen, bei dem mehr als ein Dutzend längere Vorträge und Referate gehalten wurden und in kürzeren Aussprachen, Diskussionsreden, Repliken und Dupliken noch eine ganze Reihe der etwa i5o Delegierten zu Worte kam, ist schwierig. So sei vorweg betont, daß nur em einziger Punkt die Geister beinahe entzweit hätte: Der Zionismus. Es war ein dramatischer Moment, vermutlich herausgefordert durch Schulmanns Wort: ,31ut ist keine Brücke, nur Ideen schaffen einen nationalen Geist", als Wise erklärte, sich von der Konferenz trennen zu müssen, wenn diese sich zu der Unvereinbarkeit von reli- 400