Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1926)
- Article
- Rudolf Eucken zum Gedächtnis
- Date
- 1926-10-01
- Page
- 396 (sequence 2)
- Language
- German
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Julius Goldstein Gabe des bauenden Wortes. — Zu einer Zeit, da man nur Geschichte der Philosophie und Erkenntnistheorie als Philosophie gelten ließ, hat er, unbekümmert um das Werturteil seiner Fachgenossen, die Weltfragen der Metaphysik als erster wieder aufgenommen, und dabei, an der Lehrstätte Haeckels und Liebmanns, die Gedanken des deutschen Idealismus zu wirkender Gegenwart geweckt, mit sicherer Hand Vergängliches und Unvergängliches scheidend. In dem Buche: „Der Kampf um einen geistigen Lebensinhalt" — der Titel ist von symbolhafter Bedeutung — hat er dieses Unvergängliche seiner Wellanschauung eingebildet Ein hoher Sinn war ihm eigen für die prinzipiellen Entscheidungen des philosophischen Denkens. Immer und immer wieder kreisen seine Untersuchungen um jenes für ihn entscheidende Problem: Ist das in der. Menschheit aufkommende Geistesleben eine bloße Fortsetzung naturhafter Größen oder offenbart sich — wenn auch gebrochen und mit Unzulänglichkeiten behaftet — im menschlichen Geistesleben eine neue Tiefe der Wirklichkeit? Alle seine Schriften sind mehr oder minder dieser Frage gewidmet; von den verschiedensten Seiten geht er an sie heran, mit immer neuen Gedanken sucht er für diese Grundfrage die bejahende Antwort Seine Fachkollegen — mit wenigen Ausnahmen — verstanden ihn nicht Er blieb zeitlebens ein Unzünftiger. Im Ausland fand er zuerst Verständnis und Anerkennung; bis die Zeit sich ihm zuwandelte und im letzten Jahrzehnt vor dem Krieg« weite Kreise des deutschen Volkes seine Gedanken wie eine Erlösung ergriffen. Vor zwölf Jahren — er erinnerte mich noch in seinem letzten Schreiben daran — führte ich in Darmstadt eine Zusammenkunft von Freunden der Euckenschen Philosophie herbei. Eucken nahm freudigen Herzens daran teil. Ich wollte sein Buch: „Zur Sammlung der Geister" in die Tat umsetzen. Der Krieg brach aus; der Gedanke wurde 1920 in der Form des Euckenbundes verwirklicht — Eucken hat mehrfach Fragen des Tages behandelt, wenn er auch aktiver Politik fernblieb. Mit der Blut- und Eisenpolitik Bismarcks hat er sich nie befreundet Er stammte noch aus einer Zeit, deren Geist von edleren Traditionen genährt war. In seinen „Lebenserinnerungen" (1920) schreibt er darüber: „Ich hatte gehofft, dem äußeren Aufschwung würde auch ein innerer entsprechen, und es würde das Leben mehr in Selbsttätigkeit gestellt werden. Ferner schien mir jene Politik, die ideellen Faktoren des menschlichen Zusammenseins zu unterschätzen. So war mir später unsympathisch der Kultur- 396