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Der Morgen · 1926-10-01 · Heft 4 (Oktober 1926) · p. 397

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Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 4 (Oktober 1926)
Article
Rudolf Eucken zum Gedächtnis
Date
1926-10-01
Page
397 (sequence 3)
Language
German
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Rudolf Eucken zum Gedächtnis kämpf, unsympathisch die schroffe Art, wie die unserm Staatsverbande einverleibten Völker behandelt und selbst in ihrer Muttersprache eingeengt wurden; unsympathisch auch das Sozialistengesetz mit seinem verfehlten Versuch, eine weltgeschichtliche Bewegung durch polizeiliche Maßregeln zu unterdrücken. Die Schuld jener Wendung lag freilich weniger an Bismarck, dessen unermeßliche Verdienste über aller Kritik stehen, als in der Schlaffheit und Trägheit des deutschen Bürgertums, das völlig zufrieden war, wenn es ihm nur wirtschaftlich gut ging. Man erklärte sich als »reichstreu«, was im Grunde selbstverständlich war, man bezahlte einen bescheidenen Beitrag für die Parteikasse, man besuchte gelegentlich eine Versammlung und ließ das deutsche Leben mit allen seinen inneren Problemen ruhig stehen, wie es stand. Ich habe in jenen Zeiten wohl an das bekannte Wort Gladstones gedacht, Bismarck habe Deutschland größer, die Deutschen aber kleiner gemacht" — Zu dem neuen Staat konnte Eucken als hoher Siebziger kein rechtes Verhältnis mehr gewinnen. Zum Antisemitismus, besonders in der Form des Bassenantisemitismus, hat er sich aber immer schroff ablehnend verhalten und dies auch in verschiedenen Briefen an mich bekundet Er hat mir seine Freude ausgedrückt, als ich die Leitung des „Morgen" übernahm. „Möchte diese Zeitschrift in einer schwierigen Zeit zur Klärung und Verständigung erfolgreich wirken; daß ich selbst die einseitige Betonung des Rassengedankens entschieden ablehne, brauche ich Ihnen nicht zu versichern. Im Grunde ist das ein krasser Naturalismus." (19. X. 1925.) — Im einundachtzigsten Jahre hat dieses Leben hmieden geendet Der Denker und der Lehrer wirkt in allen denen weiter, die von seinen Gedanken berührt worden sind. Was sein Schaffen im Ganzen des Zeitalters bedeutet, darüber mag die Geschichte urteilen. Diejenigen aber, die ihm als Menschen nahestanden und die Gütigkeit seiner vornehmen Gesinnung erfahren haben, diejenigen, die er durch die Treue seiner Freundschaft beglückte und durch den Zauber seines glaubensstarken Wortes zum Edlen beflügelte — sie werden das Bild seines Wesens in dankbarer Erinnerung festhalten, sein Werk in sachlicher Notwendigkeit weitergestalten. 397

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