Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1926)
- Article
- Moderne Formen der Religionsbekämpfung
- Date
- 1926-10-01
- Page
- 388 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Bruno Altmannn Manche Lehren der religionspsychologischen Forschung neueren Datums sind mit diesen Ersatzbestrebungen vereinbar. Nach Simmel ist die „religiöse Lebensbestimmtheit" eine bloße Art des enthusiastischen Erfassens irgendwelcher Inhalte der persönlichen oder geschichtlich-kollektiven Erfahrung. Wohl könne die Idee Gottes sofort Objektivation der religiösen Erlebnisse werden, aber auch Inhalte empirischer Art wie Vaterland, Kunst, Natur usw. hätten nach Simmel die Möglichkeit, den Gegenstand religiöser Erhebungen abzugeben. In der Art, wie ein Künstler zur künstlerischen Schöpfung steht, in der Art, wie der Soldat zu seiner Fahne, der Kosmopolit zur Menschheit steht, in der Art, wie Eltern ihre Kinder lieben, findet Simmel religiöse Elemente, die ohne Beziehung auf Gott die religiöse Sphäre ganz ausfüllen können» Noch entschiedener geht der amerikanische Religionsphilosoph Seeley vor. Nach ihm darf „jede gewohnheitsmäßige und zur Lebensregel gewordene Stimmung der Bewunderung Religion genannt werden". Er hielt, als er 1882 sein Buch über die „natürliche Religion" schrieb, Wissenschaft und Kunst für die „wahre Religion" seiner Zeit Diese Doktrinen sind nun freilich schon in der Theorie auf scharfen Widerspruch gestoßen. Vor allem hat Max Soheler das Realitätsgefühl, die unmittelbare Beziehung auf Gott im religiösen Akt, gegen die Verwechslung weltlicher Kulte mit dem religiösen als Einwand geltend gemacht Auch Windelband, Troeltsch und Max Weber konnten sich hierin nicht zu ihrem Freunde Simmel bekennen. Nun hat aber inzwischen die geschichtliche Praxis das Experiment der nationalistischen und rassenideellen Vergottung angestellt und sich damit sozusagen der Simmel-Seeleyschen Lehre angenommen, wenn auch mit Veranstaltungen, die inhaltlich und durchführungsgemäß gewiß nicht im Sinne der beiden Gelehrten geraten sind. Angesichts dieser Probe auf die Theorie ist die Frage der Haltbarkeit solcher Bewegungen nur durch die Entscheidung der spezielleren Frage zu beantworten: Sind die seelischen Voraussetzungen der transzendenten Religion und der weltlichen Kulte gleichartig und gleich- oder überwertig? Ein Lenin, ein Bucharin würde auf die hier gestellte Frage im Hinweis auf den Kommunismus mit Ja antworten, Mussolini seinerseits ebenso für den Faszismus. Sachlich würden sie vermutlich den Enthusiasmus und die Opferwilligkeit, die ihren Bewegungen zugute kamen, zum Zeugnis nehmen. Es ist eine beliebte Redensart Mussolinis: „Tausende sind für den Faszismus gestorben wie einst die Märtyrer für das Christentum." Hier liegt nun tatsächlich gleichartiges 388