Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1926)
- Article
- Moderne Formen der Religionsbekämpfung
- Date
- 1926-10-01
- Page
- 387 (sequence 5)
- Language
- German
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Moderne Formen der Religionsbekämpfung einer Frostigkeit, die mehr als die vieldeutige Erklärung: „Religion ist Privatsache" besagt Ihre Einstellung ist einfach Gleichgültigkeit mit dem Motto: „Wir haben Wichtigeres auszurichten". Mit bewußter Absicht gehen sie kaum daran, die positive Religion mit Ersatzwörtern zu beseitigen. Indem sie aber mittels einer seltsamen Zusammenfügung materialistischer und romantischer Betrachtungsweisen1) einen Sittlichkeitskanon des Blutes aufstellen, Persönlichkeitswerte und Kulturwerte großenteils oder ganz auf Abstammungseffekte zurückführen, indem sie von diesem Prinzip, der Höher- oder Minderwertigkeit des Blutes Geschichte deuten und Gegenwart und Zukunft der Völker nach dieser Rassenideologie regeln wollen, heben sie das rein biologische Rassenmoment zu einer Universalpotenz empor, die Gott geradezu überkompensiert Eine Grundkraft, fähig solcher Schöpfertaten oder solcher Dämonien — ist sie nicht Gott und Satan zugleich und setzt sie nicht Gott so außer Kraft, daß ihm nur noch eine deistische Bedeutung zukommt? In der Tat, wie Epikur die Götter in den „Zwischenwelten" angesiedelt hat, wo sie in tatenloser Kontemplation ihr Leben zubringen, so bleibt Gott in der rassentheoretischen Betrachtung nur noch die gleiche Bedeutung oder Bedeutungslosigkeit vorbehalten. Im Ergebnis wirkt der Rassenkult als Verdrängung der positiven Religion. Die Rassenideologie kopiert und verdrängt noch in einer anderen Weise die Religion. Sie ist nicht nur Blutverherrlichung, sondern auch Blut Verdammung und auf dieses zweite Ergebnis legen ihre Vertreter fast immer mehr Wert als auf das erste. Man braucht gar nicht an die Ausfälle der literarischen und rednerischen Tagesproduktion „völkischer Richtung" zu denken. Selbst eine so vornehm geschriebene und sachlich ausgeführte Abhandlung, wie sie etwa Otfried Ebertz im Januarheft des „Hochland" unter dem Titel „Die Krisis der weißen Rasse" bot, betont doch stärker die dämonische Rolle des unedlen Blutes als die positive des „nordischen" Geschlechtes. Aus dieser Geringschätzung, Bekämpfung, Verfluchung der minderwertigen Herkunft, ist auch ein Kult entstanden: ein richtiger satanischer Kult Wo er Platz greift, verdrängt er die Gefühls- und Glaubensbasis der positiven Religion. Kann nun die positive Religion von dem Unterfangen, weltliche Größen religiös zu verabsolutieren, jemals tötlich getroffen werden? 1) Näheres über diese Kombination: J. Goldstein, Kasse und Politik. 26' 387