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Der Morgen · 1926-10-01 · Heft 4 (Oktober 1926) · p. 389

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Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 4 (Oktober 1926)
Article
Moderne Formen der Religionsbekämpfung
Date
1926-10-01
Page
389 (sequence 7)
Language
German
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Moderne Formen der Religionsbekämpfung seelisches Verhalten vor. Ergriffenheit, völlig bewußtseinausfüllend, kann von einer Idee transzendenten wie empirischen Inhalts hervorgerufen werden. Sobald ihre praktische Durchsetzung zur historischen Aufgabe wird, erzeugt sie bei den so Ergriffenen auch den gleichen Grad des Enthusiasmus. Da auch hier Opfer an Gut und Leben gebracht werden, frei und freudig, so kann man wirklich nicht behaupten, daß eine Idee durch Erzeugung des stärkeren Enthusiasmus sich vor der anderen auszeichnet „Es gibt nichts in der Welt, das so überzeugt wie das Opfer und die Bereitwilligkeit zum Opfer." Mit diesem Satz pflegte sich Friedrich Paulsen selbst gern zu zitieren. Wahrscheinlich verführt auch das hohe Maß der Opferwilligkeit die eine Idee, welche „eingeschlagen hat", selbst einem furchtsamen Naturell beibringt, zu der Annahme, diese Idee sei selbst religiös und imstande, die Religion zu ersetzen. Die Gleichartigkeit scheint vollkommen zu sein, wenn man noch die Zustande „seliger Besessenheit" (William James) in Parallele zieht, die für die religiöse Erhebung wie für die Begeisterung an weltlichen Idealen charakteristisch ist Der entscheidende Unterschied des religiösen und des von weltlichen Werten hervorgerufenen Gefühls liegt aber weniger in der Intensität desselben Affektes, als in dem Umfang der Gefühle, die von der einen oder der anderen Größe erzeugt werden. Mit der Versenkung in die transzendent genommene Gottesidee ist auch gleich ein Grundstock ästhetischer Eindrücke, sittlicher Verpflichtungsgefühle und wissensverlangender Stimmungen geschaffen. Wer will den weltlichen Ideen eine ähnliche Fähigkeit zusprechen? Sie können den künstlerischen Genius und den forschenden Geist wohl packen, und aus solcher Gemütsverfassung wird er dann sein Werk schaffen, aber mit der Hingabe an sie werden noch keine stimm ungs- oder gefühlsmäßigen Werte geschenkt, die über ihren typischen Erzeugungsbereich hinausgehen. Selbst der Menschheitskult gibt seinen Anhängern noch keine künstlerische Inspiration, weckt noch keine wissenschaftliche Neugier. Praktisch noch wichtiger dürfte das Unvermögen aller weltlichen Kulte sein, zum Menschen diejenigen Beziehungen zu gewinnen, in die der Mensch zu Gott bei allertiefstem Vertrauen in die unbedingte Macht und Güte des Schöpfers tritt Mit dem Gebet kann man sich nur Gott, nicht aber der Menschheit, der Gesellschaft, der Nation zuwenden. Aus den Lebenserfahrungen des Gebetes wird die Kraft des Glaubens an die Gnade gestärkt Auch sie, die Gnade, schenkt keine Gesellschaft, keine Nation, keine Menschheit, sondern Gott — 389

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