Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1926)
- Article
- Moderne Formen der Religionsbekämpfung
- Date
- 1926-10-01
- Page
- 385 (sequence 3)
- Language
- German
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Moderne Formen der Religionsbekämpfung Schlaraffenland als ein tausendjähriges Reich. So aber wirkte der Gesellschaf tsmessianismus noch in der Nachahmung weniger begabter Agitatoren. Die Sehnsucht nach diesem Staat, die Forderung nach Einführung dieser Gesellschaftsverfassung und die Hoffnung auf den Anbruch des sozialistischen Tages haben tatsachlich die religionsfeindliche Neigung der sozialistischen Massen von damals gestärkt oder mindestens ihre Gleichgültigkeit gegen die Religion gefördert Im Grunde wählen die russischen Kommunisten gegen Religion und Kirche noch heute die alten Kampfmittel: keine theoretische Bekämpfung, sondern praktische Verdrängung durch den neuen Gesellschaftskult Für Europa ist neuerdings der Faszismus die auffälligste Form der praktisch organisierten Grottesbekämpfung geworden, obwohl ihre Begründer, ehemals ausgesprochene Vulgäratheisten, den äußeren Frieden mit der Kirche gemacht haben. Sobald sie Erklärungen über den Faszismus abgeben, tritt ihre Freundschaft gegen die Religion zutage. — „Was ist Faszismus? Ich will euch zuerst sagen, was er nicht ist Er ist keine Partei. Der Faszismus ist auch kein bloßes Regime wie die Monarchie oder die Republik. Der Faszismus ist eine Religion und was er will, ist so heilig wie die Gebote einer Religion." In dieser Erläuterung Mussolinis ist. schon das Spannungsverhältnis angedeutet Farinazzi, das Mundstück des radikalen Faszismus, spricht sich schon unbesorgter über die Rivalität mit der Religion aus: „Der Faszismus schafft eine neue Religion. Und was ist mit der alten? In der Pein des Gewissens dürfet ihr euch so trösten: Mit dem Faszismus hat der Duce Italien und der Welt ein so teueres Gut geschenkt, daß alle anderen Güter, selbst die der Religion und Kirche, zurückstehen müssen. Das Kreuz hat einst die Welt zu erlösen versucht, im Zeichen des Faszio wird dieses Erlösungswerk vollendet werden." Also der Faszismus an erster, die Religion an zweiter Stelle. — In dieser Abstufung steckt freilich immer noch viel Diplomatie. Sachlich ist eine solche Rangordnung einfach nicht möglich. Die Vergottum* irgendeiner geschichtlich auftauchenden Erscheinung bedeutet auch die Verneinung Gottes. Das Bekenntnis zu Gott wird dabei eine leere Formel, deren; positiven Inhalt niemand zu fassen vermag. Die italienischen Faszisten wollen sich zur klaren Erfassung ihrer religiösen Stellungnahme nicht aufraffen. Die deutschen „Faszisten" rücken meistenteils viel mutiger mit der Bekundung ihrer Abkehr von der Religion heraus. Ihre betonte und sogar praktisch betätigte Vorliebe für die germanische Mythologie soll ja selbstverständlich 26 385