Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1926-10-01 · Heft 4 (Oktober 1926) · p. 384

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 4 (Oktober 1926)
Article
Moderne Formen der Religionsbekämpfung
Date
1926-10-01
Page
384 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2895450-2895459-2895464-2897148--01330-2897261
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Bruno Altmamm richtung des Völkerbundes als Gestaltgebung des Menschheitsideals gelten konnte, so war das zum guten Teil der Verbindung zu danken, in die Kant die beiden Gebilde — Menschheit und Bund der Völker — gebracht hat, Heute ist von einem solchen Kultus keine Rede mehr. Waren noch kurz vor 1914 Wiederbelebungsversuche im Gange, die deutlich genug in dem damals mit einigem Erfolg nach Westen verpflanzten Buddhismus zu erkennen waren, so ist der Menschheitsgedanke religiösen Gepräges während des Krieges gründlich zusammengebrochen. Dem Menschheitskultus ähnlich wurde die Vergottung des Sozialismus. Auch hier handelt es sich um einen Kampf gegen die religiösen Werte mittels eines praktischen Verdrängungsverfahrens. Theoretisch hielt Marx schon am Eingang seiner schriftstellerischen Laufbahn die positive Religion durch die Angriffe eines Lamettrie, Helvetius, Holbach und durch die religionspsychologischen Untersuchungen Feuerbachs für erledigt Er bekämpfte auch die herkömmliche Theologie gar nicht mehr mit eigenen oder entlehnten Einwänden, sondern nur mit Hinweisen auf die vermeintliche Niederlage, die ihr seine französischen und deutschen Lehrer beigebracht hatten. Er hielt die Stunde für gekommen, um die Religion in transzendentem Sinne durch einen religiös umgeprägten Grundwert weltlicher Art zu ersetzen. Dabei verengerte er den universell gerichteten Kultus der Menschheit, den Kant und Fichte trotz der Beschränkung auf die Kulturvölker hochgehalten hatten, so, daß die von ihm oft gebrauchte Bezeichnung Menschheitsideal eigentlich völlig ihren Sinn verlor. Sagte Feuerbach: „Gott war mein erster Gedanke, die Vernunft mein zweiter, der Mensch mein letzter", so vermied Marx den Umweg über Gott und Vernunft und legte gleich der Gesellschaft ein religiöses Attribut bei. „Die einzige praktisch mögliche Lösung ist die Befreiung auf dem Standpunkt der Theorie, welche den Menschen für das höchste Wesen des Menschen erklärt Die Welt des Menschen ist Staat, Sozietät" Die Sozietät! das hieß natürlich die durch den Sozialismus umgestaltete Gemeinschaft Für Bebel ist die so umgeformte Gesellschaft sein Leben lang Gegenstand des Kultus gewesen. Er verkündete den Zukunftsstaat wie eine messianische Botschaft, und er war dank der marxistischen „Bildungs- und Zerstörungsgesetze des Kapitalismus" tief durchdrungen von der Gewißheit, daß dieser Messias kommen werde. Freilich, was Bebel verkündete, war ein Messianismus mit eudämonistischem Einschlag. Seine Ausmalung des sozialistischen Gesellschaftszustandes, macht aus der „Sozietät" mehr ein 384

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.