Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1926)
- Article
- Das römische Ghetto
- Date
- 1926-10-01
- Page
- 379 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das römische Ghetto Solche Kirchen sind überall zur Hand, denn hier in Rom zählt man ihrer mehr als 4oo. Versöhnen sich die Streiter alsdann, dann ist die Sache erledigt, wenn nicht, so entsagen sie ihrem Glauben, ist ihnen die Verzeihung doch gewiß, ja noch mehr, sie erhalten 100 SkudL So habe ich derartig zügellose Buben gesehen, die im Streite mit den Blutsbrüdern sagten: ,erst bringe ich dich um, und dann werde ich zum Christen.' Laden aber Männer anderer Nationen eine solche Schuld auf sich, so werden sie sofort auf die Galeere geschickt Die Beschäftigung der vornehmsten Juden besteht darin, die Fürsten und die fremden in Rom eintreffenden Herrschaften in den großen Palästen unterzubringen, sie haben allen ihren Wünschen entgegen zu kommen, für diesen Beruf erhalten sie eine monatliche Summe ausgezahlt Im übrigen unterhalten auch sie Läden wie die anderen Handeltreibenden. Unter dem gewöhnlichen Volk dagegen gibt es viele Männer, die das Handwerk des Schneiders betreiben. Im Sommer sieht man die Schneider zu hunderten auf der Straße; ein jeder sitzt vor seiner Tür. Die Frauen machen die Knopflöcher, ihre Fertigkeit darin ist so berühmt, daß auch die nichtjüdischen Schneider sich die Knopflöcher von diesen hebräischen Frauen machen lassen. Auch bei manchen Kardinälen werden sie wegen ihrer Geschicklichkeit in weiblichen Handarbeiten gut behandelt. Kurz und gut, drei Viertel dieser Juden sind Schneider, und das übrig bleibende Viertel beschäftigt sich mit anderen Berufsarbeiten. Die Juden müssen an jedem Sonnabend eine Predigt mit anhören, die ihnen ein Franziskaner-Mönch oder ein Priester ausdrücklich in einer katholischen Kirche zu halten hat, sie müssen in einer Zahl von mindestens 5oo, das heißt von 3oo Männern und 200 Frauen, erscheinen. Die Kirche ist ohne Schmuck; nur ein Bild und ein Holzkreuz, das mit einem Sack bedeckt ist, damit die Juden es nicht verspotten, befindet sich darin. Die Sitzplätze sind für Männer und Frauen getrennt angeordnet Der Priester oder der Bruder beginnt mit lauter Stimme seine Predigt, beide schalten hebräische Worte ein, so daß man sie mit Juden verwechseln könnte. Nachdem sie das jüdische Volk als das von Gott auserwählte verherrlicht haben, behaupten sie genau das Gegenteil, indem sie es halsstarrig nennen, weil es sich weigert, den Geboten der katholischen Kirche Gehorsam zu leisten. Während der Predigt müssen alle in absolutem Schweigen verharren, sie dürfen aber nicht schlafen, da sie sonst von den Wachthabenden sehr streng bestraft werden. 379