Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1926)
- Article
- Das römische Ghetto
- Date
- 1926-10-01
- Page
- 378 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2895450-2895459-2895464-2897147--01323-2897255- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
G. Blustein die sich außerhalb befindet, die in alten Zeiten erbaut wurde, und die man noch heute erhält" Der Reisende nennt dann die fünf erwähnten Synagogen und jene andere der „Quattro Capi", die er als den „alten Tempel" kennzeichnet Bei der Beschreibung der einzelnen Tempel erwähnt er besonders die Catalana-Synagoge als die größte und reichste, die er jemals gesehen. „Als ich hier eintraf, wollten sie es mir nicht glauben, daß ich von den Leviten abstamme, daher mußte ich es ihnen beweisen, wozu ich mich der Briefe meines Vaters, der sich mit dem Geschlechtsnamen ,Halevi' unterschrieb, bediente. Von diesem Augenblick an wurden mir große Ehren und viele Aufmerksamkeiten von den Notabilitäten der Gemeinde erwiesen, sie taten mir die Ehre an, mich an jedem Sabbat in die große Synagoge, deren Pracht an den Festtagen unbeschreiblich ist, zu berufen. Die hohen Wände werden mit Damast bekleidet, alles funkelt in verschwenderischer Weise von Gold und Silber, auch die Gefäße, in denen man das öl anzündet und die Kandelaber, die 600 Pfund wiegen, und die in hebräischen Buchstaben die Inschrift: ,Dem Ewigen geheiligt', tragen. Wenn es sich früher ereignen konnte, daß einige jener abtrünnigen Männer das, was sie dem Tempel geschenkt, als sie ihm noch treu waren, zurückforderten, so ist das nunmehr ausgeschlossen, sie dürfen nichts mehr zurücknehmen, also ist es festgesetzt Der Gottesdienst vollzieht sich in einer so milden und schönen Art, daß ich dem nichts an die Seite stellen könnte, und der höchste Ruhm gebührt dem Gesang und den frommen Melodien. An jedem Freitag, einige Augenblicke vor dem Anbruch des Sabbats, durchschreitet der Chacham (der oberste Rabbiner) mit einem oder zwei der Vornehmsten aus der Gemeinde sämtliche Straßen, er ordnet an, daß alle Läden geschlossen werden, und daß keinerlei Handel mehr getrieben wird. Wenn sie dann ein zweites Mal durch die Straßen gehen, muß alles bereits geschlossen sein, die Christen aber, die am Freitag massenhaft durch die Gassen der Juden laufen, um dort ihre Waren zu verkaufen, werden angehalten, sie zu verlassen. Und dann geht ein jeder in seine Synagoge, die erleuchtet ist wie durch Sonnenstrahlen. Selbstverständlich finden sich auch hier bösartige und unwürdige Menschen, die Gott und seinen Geboten nicht gehorchen. Wenn sie sich streiten, so haben sie immer ein kurzes Messer in der Hand, denn die langen sind verboten. Entsteht daraus Schaden, so laufen sie geschwind in irgend eine Kirche. 378