Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1926)
- Article
- Judentum und Humanität
- Date
- 1926-10-01
- Page
- 374 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Alfred Stern oder dem Freiheits-Streben der Juden angehören, behandle. Wir sind berechtigt mitzuschwelgen in der reichen Fülle deutschen Geistes und sind nicht gesonnen, ihm zu entsagen, um statt ihrer an dem immerhin verhältnismäßig kargen Mahle der Leistungen einzelner unserer Glaubensgenossen zu nagen. Wir können es deshalb nicht bestimmt genug aussprechen, daß wir nur der ernsten Pflicht der Abwehr, nicht dem eigenen Behagen dienen, wenn wir, wie es auch in diesem Falle mit Recht und zur Genüge geschehen ist, jene Leistungen mustern." Rießer hielt dafür, daß viel wesentlicher als diese müßige Neugier nach den Verdiensten Einzelner die Frage sein würde, wie es sich mit dem Sinn, der Teilnahme, der Empfänglichkeit der Massen verhalte, weil nur bei der Menge sichtbar werden könne, in welchem Verhältnis die religiöse Richtung mit der allgemeinen Bildungsfähigkeit stehe. Allein der Beweis, auf den es hier ankommen würde, sei auf literarischem Weg nicht zu führen, da die Literatur nur die tätigen, nicht die empfänglichen Geister, nur die Schriftsteller, nicht die Leser aufzähle. Doch sollte ihn dieser Umstand nicht hindern, seine tiefste Überzeugung auszusprechen, „daß unter den Juden die Teilnahme für alle Zweige des Wissens und der Bildung, die Empfänglichkeit für alle Leistungen des denkenden und des schaffenden Geistes, das Interesse an allen Fragen, die die Geister der Gegenwart bewegen und deren Lösung die Zukunft der Menschheit bestimmen wird, so verbreitet ist wie unter den Angehörigen irgend einer Konfession, und daß eben ihre Eigenschaft, als Juden, weit entfernt, jene Teilnahme irgend abzustumpfen, vielmehr durch den lebendigen Zusammenhang in dem ihre Sache, religiös und politisch, mit den geistigen Bestrebungen der Zeit steht, als ein wesentlich anregendes, förderndes, erwärmendes Moment sich geltend macht" Wenn er den allgemeinen Streit über die geistigen Leistungen einzelner Juden als erledigt gern unterlassen wollte, so fand er sich doch durch eine Behauptung Bruno Bauers noch zu einer speziellen Erwiderung gedrungen. Bruno Bauer hatte die Frage aufgeworfen: „Wer hat 1800 Jahre hindurch an der Bildung Europas gearbeitet"? Und er hatte darauf die kategorische Antwort gegeben: „Kein einziger Jude ist zu nennen. Spinoza war kein Jude mehr als er sein System schuf, und Moses Mendelssohn starb vor Gram, als er hörte, daß Lessing, sein verstorbener Freund, ein Spinozist gewesen sei." Rießer erwiderte darauf: „Die erste Hälfte dieses Satzes enthält im Zusammenhange der Ansichten des Herrn Bauer etwas völlig Nichts- 374