Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1926)
- Article
- Judentum und Humanität
- Date
- 1926-10-01
- Page
- 373 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2895450-2895459-2895464-2897146--01317-2897250- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Judentum und Humanität Einer der härtesten und ungerechtesten Vorwürfe, den Bruno Bauer den Juden gemacht hatte, war der der Teilnahmslosigkeit gegenüber den geistigen Interessen der Menschheit, insonderheit der Untätigkeit an Werken der Wissenschaft und Kunst Die Unwahrheit dieser Beschuldigung war bereits vor Gabriel Rießer von anderen Gegnern Bauers durch Anführung einer Reihe anerkannter Namen, die dem Judentum angehörten, nachgewiesen worden. Rießer wollte es sich versagen, auf Bauers Beschuldigung zurückzukommen, weil er fand, daß diese ganze Argumentation, „ehrenwert und pflichtmäßig, um eine leere und gehässige Anklage zurückzuweisen", doch das Wesen der Sache nicht berühre- „Denn was beweist es, sagte er, genau erwogen, für die geistige Bedeutung des Judentums, wenn einzelne, die demselben angehören, in Gebieten, die der Religion ganz fern liegen, auf eine mehr oder weniger hervorragende Weise tätig gewesen sind, wenn in den meisten Epochen einzelne} Juden mit Erfolg in den Naturwissenschaften und ihrer Anwendung auf die Heilkunst sich gewidmet, wenn in neuerer Zeit verhältnismäßig viele in der Tonkunst, manche in den bildenden Künsten und in allen Zweigen des Wissend sich auszeichnen? Was würde es gegen das Judentum beweisen, wenn diese Tatsachen nicht vorlägen? Würden diese Erörterungen von unserer Seite aus freien Stücken gepflogen, wären sie nicht rein polemischer Art und durch falsche und sinnlose Anklage hervorgerufen, so könnte man uns mit Recht eine leere, kindische Selbstgefälligkeit Schuld geben. Wenn Nationen, durch Sprache und Bildungsweise geschieden, sich der großen Männer, die aus ihrer Mitte stammen, wie ihres besonderen Besitztums rühmen, so hat das abgesehen von dem bloßen Motive der Eitelkeit, seinen Sinn darin, daß die Nation den Männern, die ihr angehören, durch die Sprache, durch die Form des Denkens, durch die am nächsten liegenden Gegenstände des Empfindens) und des künstlerischen Schaf fens, "durch tausend andere unmerkliche Fäden enger verbunden ist, sie tiefer begreift und inniger geistig besitzt, als es ihr mit den! großen Männern fremder Zunge möglich ist Es ist hier eine natürliche Beschränkung auf den eigenen Reichtum vorhanden, die denselben höher zu schätzen, auf ihn stolz zu sein gestattet und gebietet Ein solches Verhältnis findet in unserem Fall durchaus nicht statt; die großen Männer des Vaterlandes gehören auch uns, wie seine Sprache, seine Bildung die unseren sind. Keinem deutschen Juden steht der deutsche Naturkundige oder Rechtsgelehrte, der deutsche Dichter, Tonkünstler, Maler dadurch geistig näher, daß er zufällig ein Jude ist, es sei denn, daß er Stoffe, die dem Glauben, der Geschichte 373