Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1926)
- Article
- Judentum und Humanität
- Date
- 1926-10-01
- Page
- 375 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Judentum und Humanität sagendes, der zweite eine unedle, halbwahre und mißdeutende Anspielung auf einen bekannten Vorgang". Was Spinoza betraf, so gab er selbstverständlich zu, daß die Grundanschauungen des Philosophen den Vorstellungen von dem Wesen der Gottheit widersprachen, auf denen das Judentum und jede andere offenbarte Religion beruhe. Aber er warf die Frage auf: „Waa will denn Herr Bauer durch seine Behauptung gegen die Juden und das Judentum beweisen?" Er hielt ihm vor, daß ja das einzige Verdienst, daß sich nach seiner Theorie ein Jude erwerben könne, eben das sei, über das Judentum hinauszugehen und daß nun, „da ein unsterblicher Jude diesen Weg gegangen", diese Erhebung wieder von ihm benutzt werde, „um dem Judentum die Möglichkeit der Erzeugimg geistiger Tätigkeit abzusprechen". Er rief Ludwig Feuerbach zum Zeugen auf, der in seinem Werk über Pierre Bayle „die grundfreie Anschauung der Gottheit" Spinozas nicht daraus ableitete, daß er kein Jude mehr war, sondern eben daraus, daß er es der Geburt nach gewesen, weil er in direktem Gegensatz zu Bauer das Judentum als „ein Ferment der Freiheit in der Geschichte des Menschengeistes" anerkannt habe. „Wir sind übrigens weit entfernt, fügte er hinzu, aus der Untersuchung, in wie weit der Kreis, in dem er geboren, auf die Geistesentwicklung eines Spinoza: Einfluß geübt hat, eine Streitfrage konfessioneller Eitelkeit machen zu wollen. Daß die Resultate seiner Philosophie außerhalb des Judentums liegen, bestreiten wir nicht; die erhabenen Erzeugnisse seiner mächtigen Denkkraft gehören der Menschheit an und sollen uns allen ohne Unterschied des Glaubens zur Belehrung und geistigen Erstarkung dienen; wir müßten erröten vor dem Schatten des Helden der lauteren Wahrheitsforschung, wollten wir an seinem Namen eine kleinliebe Prunklust weiden. Wenn man aber dem Schöße des Judentums den Fluch der Unfruchtbarkeit an Taten des Geistes und des Gedankens aufbürden will und wenn man dabei die Frechheit hat, den Namen Spinozas zu nennen, so wird es der Mutter wohl vergönnt sein, daß sie unwillkürlich auf den Ruhm des großen Sohnes hinweise, den man ihr durch ein armseliges Kunststück eskamotieren, ja seine Leistungen gegen sie benutzen will". Hinsichtlich der sattsam bekannten Verhandlungen Moses Mendelssohns mit Friedrich Heinrich Jacobi über den Spinozismus Lessings durfte er auf die aus nicht gehöriger Kenntnis der Sache hervorgegangene „absichtslose Mißdeutung" Bauers hinweisen. Er konnte urkundlich bezeugte Tatsachen dafür anführen, daß Bauers Vorstellung auf der doppelten irrigen. 375