Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1926)
- Article
- Judentum und Humanität
- Date
- 1926-10-01
- Page
- 372 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Alfred Stern sich allmählich mit jeder höheren Stufe, welche die gläubige Gemeinde erstiegen hat" Von hier aus ließen sich Rückschlüsse auf die richtige Beantwortung der wichtigsten Frage ziehen, wie sich die Gegenwart mit ihren allgemein menschlichen Anforderungen zu jenen Überlieferungen der Vergangenheit verhalte. Nach Bruno Bauer bestand zwischen Judentum und Humanität auch in der Gegenwart ein unüberbrückbarer Abgrund. Er konstruierte sich das Bild des zeitgenössischen Juden als eines Individuums, das als Jude unfähig sei, an rein menschlichen Bestrebungen sich zu beteiligen, „für die Fortbildung der Kunst und Wissenschaft zu arbeiten, sich für den Staat wirklich zu interessieren und über allgemeine Gesetze desselben nachzudenken." Gabriel Rießer wies diese gehässige Konstruktion mit den Sätzen zurück: „Jude sein bedeutet — abgesehen von denen unter uns, bei denen es eben gar nichts bedeutet, als daß das auf Unfreiheit gegründete Staatsgesetz sie nötigt, unter irgendeine konfessionelle Fahne eingereiht zu sein — bei der großen Mehrzahl der Übrigen: Die ersten Lehren, Eindrücke und Ahnungen des Überirdischen in der Form des Mosaismus empfangen zu haben und diese Form für die Vorstellung und Empfindung des Göttlichen mehr oder weniger im Gemüte festhalten; zu der nach außen einer durch widerrechtliche Gewalt unterdrückten Gemeinschaft angehören, für deren Menschenrechte zu streiten und zu wirken, die nachweisliche Aufgabe jedes Ehrenmannes in ihrer Mitte ist Außer diesen beiden Momenten kommt der Jude nicht in Betracht; da walten andere Eigenschaften, andere Empfindungen, andere Tätigkeiten des Menschen. In allen Gebieten des Wissens und der Kunst, bei allen Streb ungen des Geistes, bei allen Regungen des Gemüts, bei denen die überlieferte fromme Empfindung ihrer Natur nach ohne Einfluß bleibt, in allen Bereichen des Lebens, welche die Gewalt und das Unrecht mit allen ihren schweren Folgen nicht erreichen oder wo sie dem Kampf für Recht und Freiheit schon haben erliegen müssen, da ist nichts, was von anders glaubenden Seelen trennte, da ist keine Sympathie, der wir verschlossen wären, keine Regung, die unseren Sinn nicht offen fände, nichts Menschliches, dem nicht unsre wärmste Teilnahme gehörte. Es gibt keinen Punkt, wo der Jude den Menschen in uns beseitigte oder schwächte oder in irgendeiner Weise ihm entgegenträte; der Gegensatz zwischen beiden — der Grundzug der Bauerschen Auffassung — wird durch unser innerstes Bewußtsein für eine Lüge erklärt" 372