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Der Morgen · 1926-10-01 · Heft 4 (Oktober 1926) · p. 371

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Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 4 (Oktober 1926)
Article
Judentum und Humanität
Date
1926-10-01
Page
371 (sequence 6)
Language
German
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Judentum und Humanität gezogen waren". Zwar wollte er nicht in Abrede stellen, daß der Gesichtskreis des biblischen Judentums nicht nach allen Seiten hin der weite, die Menschheit umfassende sei,den erst die Bildung der neuesten Zeit eröffnet habe. Indessen glaubte er, betonen zu dürfen, daß das, was das Charakteristische des religiösen Wesens des Judentums ausmacht, der Glaube an den Einigen Gott, der Gedanke des Monotheismus dazu gemacht war, der umfassenden Idee der Humanität den Weg zu bereiten. „Die Gottesidee steht, unähnlich den National-Göttern der heidnischen Völkerschar durch ihre Einheit dem Gedanken nach wesentlich über aller Beschränktheit, und selbst die der Gottheit allerdings für eine Gemeinde zugeschriebene Vorliebe erhält durch den alleinigen« klar ausgesprochenen Zweck der Verbreitung der Lehre eine höhere Bedeutung. Eine über die Grenzen dieser Gemeinde, dieses Volkes hinausgehende Ahnung im Vorgefühl eines weiteren Menschheitslebens zieht sich — namentlich in den Messias-Hoffnungen — durch die biblischen Schriften unverkennbar hindurch, und der Geist derselben strebt einer größeren Zukunft mächtig entgegen. Selbst in der wirklichen Sitte und Gesetzgebung des biblischen Judentums glaubte Gabriel Rießer „das humane Moment" ungleich stärker ausgebildet zu sehen als bei anderen Nationen des Altertums. ^Zum Beweise dessen hob er die Bestimmungen über die Behandlung von Fremden, Armen, Witwen und Waisen hervor. Sodann führte er mit einer ironischen Wendung gegen die willkürliche Deutung des spezifischen Prinzips des Judentums den Propheten Jesaias ins Gefecht, „der bei dem Vortrage jener Lehren der weitesten, die Menschheit umfassenden Liebe und der reinsten Gotteserkenntnis offenbar keine Ahnung davon hat, daß er gegen das spezifische Prinzip des Judentums verstoße, sich vielmehr bewußt ist, dasselbe in seiner größten Lauterkeit zu lehren und gegen Mißdeutung und Herabwürdigung zu verteidigen". Endlich faßte er beim Rückblick auf die Vergangenheit seine Meinung dahin zusammen: „Es ist ein wesentlicher Charakterzug des Judentums, daß es sich in keinem Augenblicke seines Daseins als ein fertig Gewordenes begreift, als ein Vollendetes fühlt, sondern daß es das Höchste, das es ahnt, zu allen Zeiten in die Zukunft versetzt hat; es ist durchaus eine Religion des Strebens, der Hoffnung, der Zukunft Jenes Höchste ist freilich nur das relativ Höchste, das der jedesmalige geistige Standpunkt als absolut Höchstes begreift; das Ideal leidet unter der Beschränktheit des Subjekts; darum wechselt es und vollendet 25* 371

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