Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1926)
- Article
- Judentum und Humanität
- Date
- 1926-10-01
- Page
- 370 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Alfred Stern Sinne des Wortes getan haben — sind in Saft und Blut der deutschen, ja der europäischen Bildung übergegangen. An diese Humanitätslehre knüpft sich auch unsere Auffassung, so wie des Geschichtlichen überhaupt, so auch des Judentums, in vielen Punkten an; von ihr lernen wir, uns ebensowohl der Starrheit der Vorurteile, der blinden Verehrung eines einzelnen geschichtlichen Moments wie jener einseitigen inhumanen Kritik zu widersetzen, die ebenso befangen im Hasse und in der Tadelsucht wie jene in der Liebe und der prüfungslosen Anbetung ist" Auf diesem Standpunkt konnte er sich wohl gegen die Anmutung verwahren, durch seine Apologie „eine ausschließliche Geltung des Judentums in irgendeiner Hinsicht zu behaupten, dem allgemein Menschlichen auf irgendeinem Punkte den unbedingten Vorrang streitig zu machen". Er konnte aber auch der Ansicht widersprechen, „die im Judentume in allen Punkten den absoluten Gegensatz des humanen Lebens erblickt". Er konnte „auch in ihm Keime höherer Menschlichkeit suchen, auch in ihm eine Annäherung an das Ideal des Humanen, einen Moment des Übergangs von Rohheit und Barbarei zu einer edleren Bildung erblicken". Um seine Ideen anschaulicher zu machen bediente er sich der Analogie des nationalen Momentes. Er wies nach, wie das nationale Gefühl weit weniger durch die Gefahr der Erweiterung zum Gefühl der Menschheit bedroht werde als „durch die des Zusammenschrumpfens zur Hingebung an das enge Ich oder an solche abgeschlossene, bevorrechtete Kreise, deren Privilegien der Egoismus auf Kosten der Gesamtheit festhält" und spitzte seine Meinung zu dem Satz zu: „Was die Nationen verderbt und unterjocht hat, ist nicht der Kosmopolitismus, es ist die Selbstsucht und der Kastengeist gewesen". Aber er ließ über dieser Anwendung der Analogie des nationalen Momentes nicht vergessen, „daß die jüdische Gemeinschaft, ihrer besonderen Natur nach, seitdem sie vor bald zweitausend Jahren als eine politische untergegangen, eine von der nationalen wesentlich verschiedene" sei. „Die Grundbeschaffenheit des jüdischen Lebens in der Geschichte, die Ursache seiner Fortdauer ... ist religiöser Art und in den Anschauungen des Überirdischen begründet" Statt einen prinzipiellen Gegensatz dieser religiösen Anschauung und der Idee der Humanität zuzugeben, sah er auch hier eine Offenbarung des echt Menschlichen „innerhalb derjenigen Grenzen, die ihm durch den engen Gesichtskreis der Zeit, durch den Mangel eines freien, ungetrübten Blickes auf das weite, reiche Leben der Menschheit, vor allem aber durch den Haß und die Entfremdung, die Sprößlinge der Intoleranz, 370