Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1926)
- Article
- Judentum und Humanität
- Date
- 1926-10-01
- Page
- 368 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2895450-2895459-2895464-2897146--01312-2897245- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Alfred Stern schon seit langem um Beitrage für seine Zeitschrift ersucht hatte. Die beiden ersten Artikel bezwecken hauptsächlich, die Ungerechtigkeit und die inneren Widersprüche der Anklagen Bauers in helles Licht zu rücken und den innigen Zusammenhang der Bestrebungen für die Emanzipation der deutschen Juden mit den allgemeinen liberalen Grundsätzen der Neuzeit »von Mirabeau bis auf Borne" vor Augen zu stellen. Gabriel Rießer erhebt gegen Bruno Bauer den Einwand, „daß er von dem, was Duldung, was Gewissensfreiheit bedeutet, gar keine Ahnung habe". „Wer nicht seine Meinungen teilt, ist ihm ein Hochverräter und ewige Knechtschaft sein verdientes Los." Er nennt ihn „einen Groß-Inquisitor der Aufklärung, einen Ketzerrichter der Philosophie" und findet: „Sein Grundsatz oder vielmehr seine Grundlüge, die Behauptung, durch welche er sich allen redlichen Verteidigern der religiösen Emanzipation feindlich entgegengestellt, ist die, daß die Rechtsgleichheit der Bekenner der verschiedenen Religionen nur möglich sei mit dem Aufhören der Religionen selbst, und zwar nicht nur mit ihrem Aufhören im Staat, im bürgerlichen Leben, sondern auch in den Gemütern, in den Überzeugungen. Wir sehen also die Menschheit der entwürdigenden Barbarei religiöser Unterdrückung preisgegeben, so lange das Christentum, so lange das Judentum, so lange irgendeine Religion besteht, so lange es Menschen gibt, die an irgendeine religiöse Wahrheit glauben; denn hätten sie die Macht nicht mehr, selbst zu unterdrücken, so würden sie ja durch den freien irreligiösen Staat des Herrn Bauer nie unterdrückt werden. Für jeden Menschen fremd, selbst wenn er der Meinung wäre, die Menschheit werde sich früher oder später alles Religiösen entäußern, geschweige denn, wenn er das Religiöse für einen bleibenden Bestandteil menschlichen Empfindens hielte, muß diese Auffassung höchst betrübend sein, wenn sie wahr wäre, und empörend, wenn sie ersonnen ist, daß sie der Eitelkeit fröne, daß sie der Sucht, durch Paradoxe zu glänzen, genugtue." Er, der Jude, nimmt „die christliche Lehre" gegen den als Christ geborenen philosophischen Verächter alles Religiösen in Schutz, indem er ihm zu erwägen gibt, „daß die Unterdrückung der Juden ebensowenig christlich sei, ebensowenig durch das Christentum erfordert werde als die Sklaverei der Schwarzen, als die Leibeigenschaft der Weißen, als die Privilegien des Adels, der Zünfte, der Städte". Der verdiente Biograph Gabriel Rießers, Dr. M. Isler, der sich wegen Raumbeschränkung genötigt sah, in Rießers „Gesammelten Schriften" (Frankfurt a. M., Verlag der Rießer-Stiftung. Leipzig in Kommission bei Fr. Volckmar 36$