Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1926)
- Article
- Judentum und Humanität
- Date
- 1926-10-01
- Page
- 367 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2895450-2895459-2895464-2897146--01311-2897244- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Alfred Stern: Judentum und Humanität zu dem Schluß: „Die Frage ist, ob der Jude als solcher, d. h. der Jude, der selber eingesteht, daß er durch sein wahres Wesen gezwungen ist, in ewiger Absonderung von andern zu leben, fähig sei, die allgemeinen Menschenrechte zu empfangen und andern zuzugestehen. Seine Religion und Lebensart verpflichten ihn zu ewiger Absonderung. Warum? weil sie sein Wesen sind, als dies Wesen aber demjenigen, was andere für ihr Wesen halten, widersprechen, entgegengesetzt sind und es ausschließen. Sein Wesen macht ihn nicht zum Menschen, sondern zum Juden, so wie das Wesen, das andre beseelt, sie auch nicht zu Menschen, sondern zu Christen, zu Mohammedanern macht Als Menschen können sich Juden und Christen erst betrachten und gegenseitig behandeln, wenn sie das besondere Wesen, welches sie trennt und zu »ewiger Absonderung« verpflichtet, aufgeben, das allgemeine Wesen des Menschen anerkennen und als ihr wahres Wesen betrachten." Mit anderen Worten: Bruno Bauer widersprach aus anscheinend philosophischen Gründen der Forderung bürgerlicher Gleichberechtigung der Juden und vertröstete sie auf die Zeit, da ein nach seinen Grundsätzen zu errichtender atheistischer Staat verwirklicht worden sei. Dieser ebenso originelle wie sophistische Versuch, die bestehende entwürdigende Ausnahmestellung der gedrückten deutschen Juden zu rechtfertigen wurde von mehreren angesehenen Wortführern jüdischen Glaubens in der Presse bekämpft Unter ihrer Zahl konnte Gabriel Rießer nicht fehlen. Wie hätte auch der Verfasser der zündenden Schrift „Über die Stellung der Bekenner des Mosaischen Glaubens in Deutschland an die Deutschen aller Konfessionen", mit der er zuerst i83i als freiwilliger Anwalt seiner Glaubensgenossen an das Rechtsgefühl seines, des deutschen Volkes und der deutschen Regierungen appelliert, und der dann den parlamentarischen und außerparlamentarischen Kampf um die Emanzipation während seines Verlaufes mit weithin schallendem Wort begleitet hatte, zu den willkürlichen und einseitigen Behauptungen Bruno Bauers schweigen sollen? In drei Artikeln der von Karl Weil herausgegebenen „Konstitutionellen Jahrbücher" (Stuttgart bei Adolf Krabbe) i843 Bd. II S. i—o.3, Bd. III S. i4— 58, i844 Bd. IV S. 172—237 „Die Judenfrage gegen Bruno Bauer" setzte er sich in der ihm eigenen vornehmen aber entschiedenen Weise mit dem auf seine kritischphilosophische Überlegenheit stolzen Gegner auseinander. Dem Briefwechsel Gabriel'Rießers mit meinem Vater (dem Mathematiker Moriz Abraham Stern in Göttingen), seinem vertrauten Freund, entnehme ich, daß Karl Weil ihn 367