Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1926-10-01 · Heft 4 (Oktober 1926) · p. 364

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 4 (Oktober 1926)
Article
Zwei Legenden
Date
1926-10-01
Page
364 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2895450-2895459-2895464-2897145--01307-2897241
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

Else Schubert-Christaller aber war in reichem und vornehmem Haus aufgewachsen und hatte nie Mangel kennen gelernt Da sprach eines Tages Rabbi Akiba zu ihm: „Ich habe Gelegenheit, ein sehr schönes Gut billig zu erwerben. Willst du, daß ich dir es kaufe?" Rabbi Tarphon antwortete ihm: „Ja, kaufe es mir, ich habe eine größere Summe Geld daliegen, die ich günstig anlegen möchte." Und er gab ihm das Geld. Rabbi Akiba aber ging hin und verteilte alles unter die Armen. Über einige Zeit sprach Rabbi Tarphon: „Ich will doch einmal das Gut besehen, das du für mich gekauft hast" ' Da führte ihn Rabbi Akiba ins Bethaus, schlug dort das Buch der Psalmen auf und las ihm diese Verse: „. . . Er streut reichlich aus und gibt den Bedürftigen, ewiglich besteht seine Mildtätigkeit und seine Macht erhebt sich in Ehren ..." und sprach zu ihm: „Siehe, dieses Gut habe ich dir gekauft Ich habe die ganze Summe unter die Armen verteilt" Da erschrak Rabbi Tarphon und es tat ihm leid um das viele Geld, doch war er zu edel und zartfühlend, als daß er dem Freund Vorwürfe gemacht hätte. Und Rabbi Akiba sprach heiter: „Komm mit mir, so wollen wir zusammen dein Gut besichtigen." So lenkte Rabbi Tarphon die edlen und verwöhnten Schritte an des Genossen Seite in die Gassen der Armut, die er nie gesehen hatte, und er erstaunte vor den Häusern, dunkel und gebeugt wie Trauernde, aneinander gedrängt wie Frierende, sinkend wie Sterbende. Sie traten durch niedere Tür in lichtlose Stube, wo in der dumpfen übelriechenden Dämmerung leere Wände ringsum starrten und Frauen an einem Feuer saßen und in rußigem Topf kochten, — und Rabbi Tarphon fragte: „Freund, warum hast du hier nicht gespendet in dieser furchtbaren Armut?" Da antwortete Rabbi Akiba: „Ich habe hier gegeben, — denn ehe ich kam, war der Herd kalt und der Topf leer, und die Leute hatten nichts, ihre Glieder zu bedecken." Sie kamen in eine Hütte, da saß in der Kammer beim Schein einer Kerze ein Schüler und studierte in einer Buchrolle. Weisheit leuchtete von seinem Angesicht und durch die Magerkeit seiner Hand leuchtete das Licht der Kerze, und Rabbi Tarphon sprach abermals: „Freund, warum hast du hier nicht gespendet? Weisheit leuchtet von seinem Angesicht, und er verdiente wohl, ohne Nahrungssorgen sich dem Studium zu widmen." 364

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.