Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1926)
- Article
- Zwei Legenden
- Date
- 1926-10-01
- Page
- 363 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Else Schubert-Christaller: Zwei Legenden Da sprach Elisa ben Abuja: „Uns ist das Maß genommen durch das Maßlose, das wir gesehen haben, und die Welt ist uns verwandelt Die Lehre, das Gesetz, daran wir unser Leben hingeben, was sind sie als ein abgesplittertes Stück Sinnlosigkeit vom großen Sinn, ein abgebrochenes Stück Vergänglichkeit vom Ewigen, eine abgesperrte Nichtigkeit vom Unendlichen! All die Last und Beschwerde, unter der wir leben und die Entsagung, die wir auf uns genommen haben, gilt nicht mehr als eines Haares Breite und eines Sandkorns Gewicht All das weite Gesetz ist noch nicht eine halbe Stufe aufwärts zum Gottlichen. Was mühen wir uns so furchtbar vergeblich unter der nutzlosen Last!" Zur selben Stunde schied sich Elisa von den Lehrern und warf sich den Sünden der Welt und der Verzweiflung des Unglaubens in die Arme. Da erschraken die Lehrer und blickten auf Rabbi Akiba, ob sie auch ihn so schrecklich verlieren müßten. Und er barg sein verstörtes Gesicht in den Händen. Als er nach langer Zeit Herr seiner Züge wurde und sie aus den Händeni hob, sah er die Bestürzung und das stumme Bangen aller um ihn her, und er sprach: „Weh uns! wie tot sind wir, gemessen am Lebendigen! wie eng sind wir, gemessen am Unendlichen, wie töricht sind wir, gemessen an der ewigen Weisheit! Aber Gottes Hand ist über uns, und er hat uns diese Form gegeben. An uns ist's, daß wir uns demütig fügen in unsre Gestalt und darin wirken. Denn nicht nach unserm Erkennen werden wir gerichtet, sondern nach unserm Wollen und Wirken." Und Rabbi Akiba stand hoch auf und ging ins Lehrhaus, zu lehren Ewiges in den armen Formen der Erde. Und er wurde der größte Lehrer seines Zeitalteis. > : II. Das Gut Rabbi Akibas Freund und Lehrer war Rabbi Tarphon. Der war vornehm und reich, weise und fromm und von edlem Geist, aber er war nicht wohltätig. Über seinen Büchern saß er und vergaß der Armen, seine Güter mehrte er und dachte nicht an die Bedürftigen. Dieser Flecken auf des Freundes Seele schmerzte Rabbi Akiba tief, denn er selbst war sehr wohltätig, er speiste arme Schüler, versorgte die Eltern und Waisen, ließ Brot backen für die Bedürftigen und gab armen Bräuten eine Ausstattung. Denn wohl wußte er wie die Not schmerzt, da er seine Jugend in bitterster Armut verbracht hatte, Rabbi Tarphon 363