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Der Morgen · 1926-10-01 · Heft 4 (Oktober 1926) · p. 365

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 4 (Oktober 1926)
Article
Zwei Legenden
Date
1926-10-01
Page
365 (sequence 4)
Language
German
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Zwei Legenden Und wieder antwortete Rabbi Akiba: „Ich habe hier gegeben, — denn ehe ich kam, hatte er nicht Buch noch Licht, und verdiente sein schmales und bitteres Brot als Taglöhner." Sie kamen in die Hütte des Kranken, da lag der Kranke auf seinem Strohlager, und der heiße Fieberglanz seiner schlaflosen eingesunkenen Augen spielte verlassen mit dem Schein eines Lämpchens. Da fragte Rabbi Tarphon wieder: „Freund, warum hast du hier nicht gespendet?" und wieder antwortete Rabbi Akiba: „Ich habe auch hier gegeben, — denn ehe ich kam, lag der Kranke auf dem nackten Boden, in die Lumpen, seiner Kleider gehüllt, und alle Stunden der Nacht bohrten seine schlaflosen Augen sich in das Grauen der Dunkelheit'; Und so gingen sie durch alle Hütten, und Rabbi Tarphons edles Haupt wurde gebeugt und seine Stirn lastete über den Brauen, denn sein Herz erschrak vor dem Angesicht der Armut, das er nie gekannt hatte, und schwere Scham überflutete seine Seele. Und als sie den schmerzvollen Rundgang vollendet hatten und aus der Gasse hinaustraten in die Nacht, da sagte er: „Freund, ich frage dich nur eins: warum hast du nicht mehr gespendet?" Da sprach Rabbi Akiba mit Sanftheit: „Das Geld, das du mir gegeben hast, war viel zu wenig." Und sie gingen schweigend durch die Nacht bis sie an Rabbi Tarphons; Haus kamen, das groß und schön gebaut war, und mit starken Mauern den vertrauten Schein seiner Leselampe vor der Bangigkeit der Nacht behütete, — da fragte Rabbi Akiba: „Nun, wie gefällt dir das Gut, das ich dir gekauft habe?" Da weinte Rabbi Tarphon laut auf, umarmte den Freund und rief: „Du hast einen schlimmen Flecken von meiner Seele abgewaschen, — wie soll ich dir es danken?" Und er ging hinein und tat seine Schränke weit auf und vergaß nie mehr die Hütten der Armen. 365

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